Im Anfang war der Mythos - in diesem Fall ein ziemlich kurioser: Der antike Dichter Hesiod berichtet in seiner "Theogonie", der Erzählung von der Entstehung des Göttergeschlechtes, dass Uranos, der älteste Gott des Himmels, von seinem eigenen Sohn Kronos mit einer Sichel entmannt wurde. Das Glied des himmlischen Göttervaters fiel ins Meer und aus dem Schaum, der sich um dieses bildete, entsprang Aphrodite, die Schaumgeborene, Göttin der Liebe und der Schönheit. Stattgefunden hat das Ganze vor der Insel Zypern, die mithin als Insel der Liebesgöttin galt. Noch heute wird der Ort ihrer Geburt gezeigt. Er liegt unweit jener Stadt, die heuer im Blickpunkt des internationalen Interesses steht: Paphos, Zyperns drittgrößte Stadt und gemeinsam mit dem dänischen Aarhus Kulturhauptstadt des Jahres 2017.

Eigentlich hätte Paphos aus dem Vollen schöpfen können, als es den Zuschlag erhielt. Doch dann kam die internationale Finanzkrise, die auch Zypern hart traf. Die Geldgeber zogen sich zurück, es musste nachverhandelt werden mit Brüssel. Mit nur noch 8,5 Millionen Euro, etwa einem Drittel der ursprünglich avisierten Kosten, sollten die Organisatoren nun auskommen. Das neue Konzept mit dem Motto "Open Air Factory" - Freiluftfabrik - überzeugte: Die zahlreichen antiken Stätten sollen zu einem Ort kultureller Begegnung werden und so die Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schlagen.

In der Tat hat Paphos einiges zu bieten. Mythische Quellen führen die Stadtgründung auf König Kinyras zurück, nach ihm bezeichneten sich Generationen von Priesterkönigen in Paphos als Kinyraden. In Ovids "Metamorphosen" wiederum findet sich die Erzählung vom zypriotischen Künstler Pygmalion, der eine lebensechte weibliche Statue erschuf, die durch Aphrodites Gunst zum Leben erwachte - und mit der er den Sohn Paphos hatte.

Die erste historische Nachricht über Paphos stammt allerdings erst aus dem 7. Jh. v. Chr. Der damalige König war dem mächtigen Reich der Assyrer tributpflichtig; später kam die Stadt unter den Einfluss der Perser und schließlich der ägyptischen Ptolemaier.

Eine kulturelle Blütezeit erlebte Paphos unter den Römern, die hier den Sitz ihres Statthalters einrichteten. Es entstanden prächtige Villen, geschmückt mit kostbaren Mosaiken. In der "Villa des Dionysos" etwa finden sich typische Themen der römischen Oberschicht aus der Kaiserzeit: Jagd-, Kampf- und Liebesszenen sowie eine Darstellung des Gottes Dionysos, Sinnbild der Lebenslust der einstigen Bewohner. Im römischen Odeon, UNESCO-Welterbe und damals wie heute eine Livebühne, finden diverse Veranstaltungen statt, unter freiem Himmel, eben "Open Air Factory".

Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie/Alte Geschichte und lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.