Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Es gab Zeiten, da wurden Erträge von Meetings auf Flip Charts festgehalten, und wenn es sich um längere Strategie-Meetings handelte, auf Stellwänden inszeniert, die mit Packpapier bespannt waren. Das nannte sich dann Brown Paper Presentations. Deren mutmaßlicher Ewigkeitswert wurde dadurch dokumentiert, dass man die mit fahlfarbenen Papptäfelchen sortierten Inhalte abfotografierte. Dieser Ewigkeitswert kollidierte allerdings mit der Halbwertszeit, denn diese Sitzungen führten regelmäßig zu neuen Sitzungen, auf deren Tagesordnungen die Probleme der Lösungen von gestern standen.

Wie gesagt: tempi passati. Das heißt: Prinzipiell hat sich nicht viel geändert, aber die Sache ist durchsichtiger geworden. Nun nämlich wird nicht mehr mit Flip-Charts oder Packpapier gearbeitet. Nun dominiert das ins Innere fortgesetzte Grundprinzip der schwungvollen Head Quarter-Architekturen: Glas. Und da in den modernen Firmen überall Glaswände die Abteilungen und Büros voneinander trennen, sodass das damit inszenierte Ambiente durch Packpapier und wacklige Flip-Chart-Ständer erheblich gestört würde, sind findige Geister drauf gekommen, gleich die Wände zu bemalen. So wie man das früher als Kind getan hat.

Wände werden zu Arbeitsflächen, auf denen, wie erste filmische Dokumentationen zeigen, beflissene Geister unfassbar ausgedehnte Formeln aufmalen. So jüngst zu sehen in einem Fernsehspiel über Ränke und Rankünen in einer so genannten "Bank der Deutschen". Zwar blieb völlig unverständlich, was da an der Glaswand (nach einem schwungvollen "Go!" durch den Chef und einer bedrohlich "zeitnahen" Deadline) getrieben wurde, aber es sah toll aus.

Zuvor schon konnte man den Einzug dieser ja eher analogen Mittel in den Unternehmensalltag in schön aufgemachten Corporate Magazines diverser Großkonzerne beobachten, immer mit den hoch konzentrierten Gesichtern von Young Professionals, die ihre Entwürfe aufs Glas applizierten - und zwar, glaubt man den Texten: meist in Form von Algorithmen. Oft sieht man aber auch Kästchen, kybernetische Regelkreise, Pfeile mit Querverweisen oder wilde ökonometrische Formeln über den Return eines dubiosen Investments. Was genau, erschließt sich nicht, denn zum einen sind die Wände vorsichtshalber nie ganz sichtbar, zum anderen müsste man schon vor einen Spiegel gehen, um diese Chiffren zu enträtseln. - Wer weiß, was da an Unsinn zutage träte.

Sicher ist nur dies: Wir haben ein neues Statussymbol, und die Botschaft wird gleich mitgeliefert: Die Transparenz der Mittel erhöht den Durchblick. Obwohl: Genau betrachtet starren die meisten Protagonisten kurzsichtig auf die Glaswand, versuchen sich zu konzentrieren und die draußen auf dem Flur vorübergehenden Kollegen zu ignorieren. Die wiederum betrachten die Rückseite dieser für sie völlig intransparenten Hinterglasmalerei mit verständnisleerem Blick. Sehen die vielleicht etwas, das man von vorne nicht sieht?