Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Vielleicht bin ich ein altmodischer Mensch, aber wenn jemandem Unrecht geschieht, solidarisiere ich mich mit ihm. So bin ich Fan von Rasenball Leipzig geworden. Der von Red Bull finanzierte Klub ist von der vierten Liga bis in die oberste Spielklasse aufgestiegen, dort liegt er nun an zweiter Stelle - und wird als "österreichischer Dosenklub" diffamiert. Aber nicht nur das. Der Bus mit den Kickern wird bei Auswärtsspielen mit Farbbeuteln beworfen, der Fan-Tross mit Steinen und Bierflaschen. Unlängst war in einer gegnerischen Fankurve ein riesiges Transparent zu lesen: "Wir verurteilen jeden Stein - der euch Hunde nicht getroffen hat!"

Nun wird dieser Verein von einem überaus sympathischen Trainer überaus erfolgreich geführt: Ralph Hasenhüttl, ein gebürtiger Grazer. Dieser Ösi ist unlängst in einem deutschen Sender gefragt worden, ob er glaube, dass Rasenball Leipzig den Platz zwei bis zum Saisonende behaupten wird. Hasenhüttl: "Wir gucken nicht auf die nächsten Wochen! Wir gucken immer nur auf das nächste Spiel!"

Ich bin geneigt, dem Steirer diesen Ausdruck, der in Österreich zutiefst verpönt ist, zu verzeihen, und hoffe, dass alle Österreicher dasselbe tun. Wir neigen ja dazu, fremde Ausdrücke aus fremden Sprachkulturen mitzunehmen - nach einem Urlaub in Frankreich sagen wir salut, nach einem Italien-Aufenthalt ciao.

Ralph Hasenhüttl kommt die Leipziger Alltagssprache vielleicht genauso fremd vor wie uns das Französische oder Italienische. Er spickt daher Interviews mit Wörtern wie gucken. Im Übrigen sind seine Diktion und seine Sprachmelodie österreichisch geblieben. Ganz im Gegensatz zu den Wiener Kids, die sich pausenlos deutsche Fernsehserien hineinziehen...

Hinzu kommt, dass wir das Wort gucken ja nicht generell ablehnen. Niemand bei uns stößt sich an dem Wort Operngucker. Die kleine Öffnung an der Tür nennen wir Guckloch. Ein früher gebräuchliches Gerät zum Anschauen von Bildern hieß Guckkasten. Die kleinen Digitalkameras werden scherzhaft Guckidrucki genannt.

Wer den Blick gezielt durch eine kleine Öffnung wirft, der guckt also. Wenn wir allerdings den Blick schweifend oder prüfend auf etwas richten, dann schauen wir.

Ein Tiroler Volkslied bringt den Unterschied auf den Punkt. "Wenn wir schaun, schaun, schaun, übern Zaun, Zaun, Zaun in das schöne Land Tirol..." Und in der nächsten Strophe: "Wenn wir guckn, guckn, guckn durch die Luckn, Luckn, Luckn..." Als Kind habe ich das Lied auf längeren Autofahrten stundenlang mit meinem Vater gesungen...

Auch im übertragenen Sinn verwenden wir schauen. Wenn allerdings Hasenhüttl sagt: "Wir gucken immer nur auf das nächste Spiel!", dann meint er: Wir richten unseren Blick auf die nahe, nicht auf die ferne Zukunft. Es kann aber auch sein, dass er mit der Wortwahl seinen Integrationswillen dokumentieren wollte. Das wäre auch keine Katastrophe.

Abschließend noch ein Erratum zur letzten Folge. Dort kam die Phrase "frei von der Leber weg reden" vor. So habe ich es der Redaktion gemailt. Ein Praktikant änderte die Schreibung auf "frei von der Leber wegreden". Da sieht man, was eine fehlerhafte Zusammenschreibung anrichten kann.