Und wieder hat ein Wort Kar-riere gemacht: kaum noch öffentliche Diskussionen, Vorträge, Interviews und private Gespräche, die ohne das Wort "spannend" auskommen. Äußerst beliebt scheint es in Künstler- und Kunstkennerkreisen zu sein: "Ich fand die Modebranche immer schon sehr spannend!" - "Meine Schaffenskrise erfuhr ich als durchaus spannend." - "Die Inszenierung der Oper war für mich eine spannende Herausforderung." - "Die Linienführung vom Konkreten zum Abstrakten finde ich äußerst spannend!"

Wer sich auf große Reise begibt oder bloß in die nächste Ortschaft fährt, hat dieses Wort meist ebenfalls im Gepäck: Wie war deine Nordpol-Expedition? Spannend! Wie dein dreiwöchiger Kuraufenthalt? Spannend! Und wie war dein Nachmittags-Kaffeeausflug mit der Tante Mizzi? Spannend!

Das sehnsüchtige Abenteurerherz findet vom Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang, von den Turbulenzen der Weltgeschichte bis zum Nachbarschaftskonflikt, vom Krimi bis zur Notiz im Gemeindeblatt, von der Umweltpro-blematik bis zum Raucherhusten, vom Autorennen bis zur eigenen Fieberkurve alles spannend.

Ganz zufällig ist das wohl nicht. Das Wort, das sich vom Bild einer gespannten Stahlfeder bzw. von angespannten Körpermuskeln ableitet, bringt die Situation des angepassten, flexiblen, stets zum Sprung bereiten - und demnach ständig angespannten - modernen Menschen auf den Punkt. Wenn auch oft die Sprungrichtung offen bleibt, so ist es für den unkontrolliert durch die Luft wirbelnden, positiv motivierten Zeitgenossen immerhin spannend, wo er landen wird.

Eine Antwort darauf, warum dieses Wort es zu solch inflationären Ehren brachte, gab unlängst auch eine kulinarische Ö1-Sendung. Zitat eines begeisterten Gourmets: "Kohl ist ein wirklich spannendes Gemüse - und alles was spannend ist, da interessiert man sich dafür."

Beim Angebot von so viel spannenden Produkten im Lebensmittelregal verwundert es nicht, dass Speisen immer öfter spannend schmecken oder zumindest als spannend schmeckend beschrieben werden. Man mag das nicht unbedingt als Kompliment für die Köche werten, aber es scheint in den meisten Fällen positiv gemeint zu sein. Oder doch nicht? Wie das bei Karrieristen oft so ist - am Ende weiß man nicht mehr so genau, wofür sie stehen.

Mich können Abgabetermine in Anspannung versetzen; als spannend bezeichnen würde ich sie nicht. Der Schriftsteller Douglas Adams, dessen Bücher viele Menschen äußerst spannend finden, hatte dafür die besseren Worte: "I love deadlines. I love the whooshing sound they make as they go by!"

Alfred Hitchcock sagte, Hochspannung sei Kaugummi fürs Gehirn. Da ich nur ungefähr zu wissen glaube, was er damit gemeint hat - Kaugummikauen ist ja auch Sinnbild fürs Ausgelutschte, Monotone - ,würde ich in die Diskussion werfen: Ich finde diesen Ausspruch . . . hinterfragenswert.