"Es kommt nicht darauf an, dir über die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes zu erzählen, sondern ein solcher zu sein." Als der römische Kaiser Marc Aurel am 17. März 180 n. Chr. - vermutlich in Vindobona an der Donau - verstarb, schied er in der Hoffnung aus dem Leben, ein solch guter Mensch gewesen zu sein. Er sah sich als Vertreter einer philosophischen Schule, die zu seinen Lebzeiten schon auf eine nahezu 500-jährige Tradition zurückblicken konnte: die Stoa.

Die stoischen Philosophen pflegten die Umstände des Lebens, insbesondere die menschlichen Tugenden und Eigenschaften in drei Kategorien einzuteilen: in gut, schlecht und neutral. Gut sind Tugenden wie Klugheit, Gerechtigkeit, Mut und Mäßigung, schlecht ihre Gegenteile wie Torheit, Ungerechtigkeit, Feigheit und Hemmungslosigkeit. Daneben steht, was aus stoischer Sicht sittlich neutral ist: Leben, Gesundheit, Schönheit, Stärke, Reichtum, Ansehen, edle Herkunft - und ebenso die Gegenpole: Tod, Krankheit, Schmerz, Hässlichkeit, Schwäche, Armut, schlechtes Ansehen und niedere Herkunft.

Dass ausgerechnet der mächtigste Mann der antiken Welt sich von edler Herkunft und Reichtum distanzierte, verwundert zunächst. Zumal er aus einer der vornehmsten Familien Roms stammte, die zudem enge Kontakte mit dem Herrscherhaus pflegte. Allerdings wurde Marcus schon im Knabenalter mit Tod und Schmerz konfrontiert, als sein leiblicher Vater starb. Vielleicht hat diese frühe Todeserfahrung in ihm den Wunsch geweckt, sich von allzu heftigen Emotionen zu lösen und sein Heil in einer gelassenen Lebensführung zu suchen.

Ein gewisser Iunius Rusticus hatte dem Knaben die Lehren der Stoa mit auf den Weg gegeben - als ethisches Rüstzeug für sein weiteres Leben. Gemäß seinem Selbstverständnis als Stoiker auf dem Kaiserthron lenkte Marc Aurel sein Augenmerk auf die Schwachen und Benachteiligten der römischen Gesellschaft, die Sklaven, Frauen und Kinder. Gut die Hälfte der überlieferten Gesetzgebungsakte seiner Regierungszeit zielten auf Verbesserung der Rechtsstellung und Freiheitsfähigkeit dieser Bevölkerungsgruppen.

Außenpolitisch war Marc Aurel gezwungen, den kriegerischen Bedrohungen der Reichsgrenzen mit militärischer Gewalt zu begegnen. Doch selbst da versuchte er seinen Idealen treu zu bleiben, etwa indem er den Soldaten verbot, unmäßig Beute zu machen. Erstaunlich für einen römischen Kaiser ist seine kosmopolitische Weltsicht: "Meine Natur aber ist eine vernünftige und für das Gemeinwohl bestimmte; meine Stadt und mein Vaterland jedoch ist, insofern ich Antonin heiße, Rom, insofern ich Mensch bin, die Welt."