Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Es ist ja kein Geheimnis, dass ich den größten Teil des Jahres im Norden verbringe, im Norden Deutschlands, um korrekt zu sein. Damit ist auch schon klar, dass ich ein Dasein in einer eher flachen Landschaft friste. Österreicher, die vor dramatischer Bergkulisse aufwachsen, sehen das Ganze eher so, als habe der Schöpfer in einem Moment der Langweile mit der Hand über die Erde gestrichen.

Ich habe schon welche erlebt, die ob der Gleichförmigkeit der sich hinstreckenden Marschen eingeschlafen sind. Nicht einmal die dramatischen Farben der Rapsfelder im Frühjahr konnten sie begeistern. Es fehlte ihnen eine Kulisse. Was aber übersehen wird, ist die Tatsache, dass es hier und da doch einige Erhebungen gibt, die im Setting der Ebene sozusagen als Kontrastgewinner besonders dramatisch wirken und mithin, von wem auch immer ursprünglich, mit dem Namen eines Landes versehen wurden, in dem es sich schon heftig bis zu knapp 4500 Metern türmt: Schweiz.

So wirbt das östliche Hügelland Holsteins in der volkstümlichen Geografie für sich als Holsteinische Schweiz. Um einen lebendigen Eindruck zu vermitteln: Attraktion ist der 168 Meter (!) hohe Bungsberg bei Schönwalde am Bungsberg. Bei Gosen, 200 Kilometer weiter nur, ragt die Berliner Schweiz in die Höhe. Wir haben weiter die nicht minder schwindelerregende Märkische, und im südlichen Niedersachsen die Ischenröder Schweiz, die Saarländische bei Mettlach und ungezählte weitere. Ja selbst in den USA, in Südamerika und Neuseeland gibt es welche.

Warum? Man hätte doch genauso gut statt der Schweiz den Zusatz Österreich nehmen, also das Märkische oder das Holsteinische oder Ischenröder Österreich sagen können, auch dieses Alpenland weist durchaus veritable Erhebungen auf. Aber nichts damit. Im Gegenteil: selbst in Österreich haben wir drei Schweize (oder wie immer der Plural lautet): die Kleine Schweiz bei Gmünd in Kärnten, die Rosentaler Schweiz an der Drau und die Schweizklamm bei Neumarkt in der Obersteiermark.

Die Mutmaßung, heimwehgeschüttelte Schweizer Exilanten hätten sich weltweit mit der Gentrifizierung der nächstgelegenen Hügelketten zumindest ein wenig von ihrer Herkunft bewahren wollen, ist angesichts der Massen an exterritorialen Schweizen unwahrscheinlich. Denn dann gäbe es daheim keine Schweizer mehr. Außerdem ist nicht bekannt, dass es etwa in der Holsteinischen oder Märkischen Schweiz je eine nennenswerte Zahl von Auswanderern gegeben hätte. Nicht einmal in den USA ist der Schweizer überproportional verbreitet. Und um eine andere, vielleicht nicht ganz so abwegige Interpretation zu falsifizieren: Nirgends, wo die Landkarte eine Schweiz ausweist, lässt oder ließ sich eine ungewöhnliche Dichte an Finanzinstitutionen feststellen.

Ein Glück nur, dass der Wienerwald so heißt wie er heißt - und nicht "Wiener Schweiz". Es gibt freilich einen Außenposten: das Schweizerhaus im Prater, aber das ist etwas Anderes . . .