Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Sechshundert Hintern recken sich in die Höhe. 1200 Handflächen pressen sich in bunte Matten. 600 Rücken werden gebogen, bis es in den hinteren Oberschenkelmuskeln grausam-wohlig zieht: Es ist Adho Mukha Svanasana, der nach unten blickende Hund. Selbstverständlich darf auch er bei der Yoga-Convention 2017 nicht fehlen.

Das Festival, das am vergangenen Sonntag im Wiener Augarten stattfand, ist nur eine von mehreren Veranstaltungen, denen die Burghauptmannschaft als Verwalterin der Bundesgärten Rasenfläche zur Verfügung stellt. Rund um die Turnenden stehen in der Wiese weiße Zelte, wo elastische Hosen, Nahrungsmittel, Retreats und Literatur feilgeboten werden. Über dem Park hängt derweil eine Wolke aus Ruß: Mehrere Diesel-Generatoren liefern Strom für Bühne und Händler. Auch ein Kühl-Lkw des Festival-Sponsors (ein Lebensmittelkonzern) steht unter Kastanienbäumen und lässt den Motor laufen. Die Soja-Drinks, die als Geschenk verteilt werden, sollen frisch und schmackhaft bleiben.

Nun bin ich kein Feind von Yoga und Joghurt. Dennoch stimmt mich die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums nachdenklich. Immerhin werden der Allgemeinheit Erholungsflächen entzogen, die sie in Zeiten urbaner Verdichtung und großer Hitze dringend braucht. Zu hinterfragen ist auch, ob es in Ordnung ist, dass derlei Nutzungsfragen von drei Hofräten einer reichlich angestaubten Behörde entschieden werden, statt in einem öffentlichen Rahmen diskutiert und verhandelt.

Nicht immer kommt die Kommerzialisierung so geordnet daher wie im Augarten. Mitunter zieht sie genau dort ein, wo man sie draußen halten wollte: Als am Donaukanal jüngst der Bau eines Lokals nahe der Augartenbrücke verhindert wurde, feierte man dies als großen Triumph der Konsumfreiheit über die Krake der Geschäftemacherei.

Leider muss die Krake über Nacht in die Stadt zurückgeschwommen sein: Statt eines Lokalbetreibers sind jetzt viele kleine Geschäftemacher unterwegs, um Konsumwillige im konsumfreien Raum mit Bier und Wein zu versorgen. Die Hinterlassenschaften dieser erlebnisgastronomischen Schattenwirtschaft werden in Form gewaltiger Dosen- und Flaschenberge sichtbar, deren Entsorgung die Allgemeinheit übernimmt.

Apropos Überreste: Hier muss man dem Veranstalter der Yoga-Convention zu Gute halten, dass Mitarbeiter die leeren Getränkepackungen einsammelten. Zudem wurden wohltuende Mantras gesungen: für eine Entwicklung vom Unechten zum Echten, vom Irrigen zum Wahrhaftigen - und für das Heil der Welt. Vielleicht gibt es ja auch eines, das dazu auffordert, den eigenen Dreck wegzuräumen. Wäre ideal für Freitagabende am Donaukanal . . .