Fast das gesamte Honorar für diese Kolumne - meine erste in der "Wiener Zeitung", willkommen! - geht drauf für den käuflichen Erwerb jenes Artefakts, von dem hier die Rede sein soll. Aber das ist nur billig und recht, wenn es sich um ein wahres Objekt der Begierde handelt. Und das ist es: geschätzte dreieinhalb Kilo schwer, knallrot verpackt im Format eines Plattenkartons, dezent versehen mit einem Sticker, der einen Fingerzeig auf den Inhalt gibt. "4 Disk Blu-Ray Box Set" steht da zu lesen, und "Video 3-D Sound". Ich will Sie nicht länger hinhalten: Es handelt sich um das neueste Produkt aus dem Hause Kraftwerk.

Nun ist das vielleicht nicht das, was Technik-Freaks, Hobby-Bastler und HTL-Absolventen hierorts erwarten. Popmusik!? Ja, aber was für eine! Kraftwerk - die Gruppe besteht heute eigentlich nur mehr aus einem einzigen Mann, Ralf Hütter - definierten förmlich ihr eigenes Genre: Science-Fiction-Schlager. Sie gelten als Urväter elektronischer Musik, was Nachgeborene oftmals (wie unlängst auf Facebook gelesen) "Oh, die haben aber viel von Daft Punk geklaut!" rufen lässt. Egal: Meine ewige Bewunderung ist ihnen sicher. Seit jenem Erweckungserlebnis im Jugendzimmer der 1970er Jahre, als ich das erste Mal "Die Mensch-Maschine" hörte.

Was ist nun in der Schachtel? "Der Katalog". Meint: das Gesamtwerk auf letztgültigem Stand. Denn auch das ist eine Eigenheit von Kraftwerk: Hier werden alte Hits wie "Das Model" oder "Wir sind die Roboter" regelmäßig dem technischen, ästhetischen und gesellschaftlichen Status quo angepasst. Es ist ein Prozess ständiger Veränderung - zugleich achtet Ralf Hütter darauf, den Wesenskern des Oeuvres nicht anzutasten. Hier trifft also, eventuell ziemlich deutsch, strikt Visionäres auf Gralshüter-Konservativismus. Und löst mancherorts mechanistische Rührung aus.

Vielleicht waren Sie ja dabei, als Kraftwerk anno 2014 im Wiener Burgtheater ihre Klangmaschinen "live" auf die Bühne hievten - das haben sie rund um den Globus getan, unter anderem auch im Museum of Modern Art in New York, in der Neuen National Galerie in Berlin oder im Konzerthaus Akasaka Blitz in Tokio. Man kann jetzt bequem im eigenen Wohnzimmer nachvollziehen, was da zu sehen war: auf gleich vier Blu-Ray-Scheiben. In höchst greifbarer, ja selbst abgebrühte Fans regelrecht verstörender Dreidimensionalität und Klangschärfe. Wer’s herkömmlicher mag, darf in einem 228-seitigen Kunstbuch blättern.

Für Kraftwerk-Adoranten ist dieses pralle Paket sowieso ein Pflichtprogramm, aber es soll ja auch Heimkino-Betreiber geben, die immer nach Futter für ihren High-End-Beamer und ihre Dolby Atmos-Surroundanlage suchen. Hier ist es. Mehr geht nicht.

Dass "3-D. Der Katalog" aber auch als Box mit neun Vinyl-LPs ganz ohne optisches Beiwerk auf den Markt geworfen wurde, irritiert wohl nur Technik-Fetischisten mit Scheuklappen - bei Kraftwerk ging es immer auch um die Verzahnung von Vergangenem und Gegenwärtigem mit einer erahnten, bisweilen logisch vorausgedachten Zukunft. Wo nun der High-Res-Download einzuordnen ist - entsprechende Streaming-Angebote folgen wohl auf dem Fuß -, dürfen Sie selbst entscheiden.