Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Ob Fasslrutschen oder Meter trinken, sich kleine Hölzchen durch die Brustwarzen treiben und diese mit einem Lederriemen an einem Maibaum befestigen oder möglichst lange auf einem Bein stehen - junge Männer beeindrucken überall ältere, denen vor Jahren auch nichts Besseres eingefallen ist. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um Freizeitangebote für Männer. Warum das so ist? Ich kann nur spekulieren. Entweder ist das weltumspannende Patriarchat schuld, oder der weibliche Initiationsritus wird im Geheimen abgehalten (siehe Walpurgisnacht, Tampon-Werbung, "Orange is the new Black" . . .) - oder Männer sind einfach weltweit zu feig, um zu sagen: "Nein. Mach ich nicht. Bin ja net deppert." Ob das Jungmännchen auf Bäume klettern, durch Schluchten tauchen oder mit 150 km/h über den Gürtel brettern muss - man erkennt am Ritual, was in der Gemeinschaft als besonders wichtig, vielleicht sogar überlebenswichtig gilt. Und natürlich ist es gut, wenn man weiß, wie man schnell fährt, wenn einen gerade die Polizei verfolgt. Wegen massiver Geschwindigkeitsübertretung.

So ist es auch in Wien. In dieser Perle an der Donau, diesem schwülen Eiterwimmerl am Rande der Ostalpen, diesem großartig onamentierten Sumpfloch nahe des Leopoldsbergs hat sich ein ganz eigener Männlichkeitsritus herausgebildet, zu dem jedes Jahr Millionen strömen: das Donauinselfest. Die Herausforderungen an den Jungbullen de Vienne sind fast übermenschlich: Bier trinken, Bratwurst essen, Spritzer trinken, Pommes essen, Bier trinken, einen leeren Busch finden, hinter einen Busch speiben (wegen des Biers oder weil die Mayonnaise von den Pommes schon schlecht war), sich trotz des stinkenden Flecks auf der Hose nichts anmerken lassen, Bier trinken, einem Wickel aus dem Weg gehen, sich durch die Massen schieben, beim Konzert der besten Band der Welt (je nach Generation Spider Murphy Gang, Tocotronic, Wanda . . .) Spritzer trinken und tanzen ohne umzufallen, bei Unbekannten mitkiffen, einen leeren Busch finden, hinter einen Busch speiben, sich trotz zweier stinkendener Flecken auf der Hose sehr cool finden, Mädchen ansprechen, sprechen üben, einem Wickel nicht mehr aus dem Weg gehen, nach einem Bauchschwinger durch die Menge zurück zur U-Bahn finden, leeren Sitzplatz finden, zwischen die Sitze speiben, heimwanken, schlafen, aufwachen, versuchen sich zu erinnern.

Wer diesen Parcours korrekt durchlaufen hat, darf sich stolz "echter Wiener" nennen. Wer nicht - viele versagen bei der Aufgabe "leeren Busch finden" -, ist gezwungen, das Ritual zu wiederholen. Im nächsten Jahr. Deshalb gibt es das Donauinselfest. Und deshalb ist es auch so voll.

Freilich existiert noch eine höhere Weihe. Quasi ein Ritterschlag für ganz wenige Auserwählte: nämlich auf dem Donauinselfest auftreten. Das tu ich. Am Samstag. Was das bedeutet . . . erzähl ich Ihnen nächste Woche. Falls ich es überlebe.