Wien, halb eins in der Nacht. Ich rolle in einem Taxi nach Hause und plaudere mit dem Fahrer: "Um die Zeit ist es hier ja sehr ruhig", sage ich, "da kommen wir schnell voran." Er antwortet ernst: "In Europa wird es nie mehr ruhig sein. Die junge Generation ist aufgewacht."

Ich hatte eigentlich nur von der breiten Innenstadtumfahrung gesprochen, die von den Wienern "Zweierlinie" genannt wird. Aber der Fahrer will Grundsätzliches erörtern. "Sie sprechen nicht wie ein Wiener" sagt er, "darf ich fragen, wo Sie herkommen?" "Aus Deutschland. Aber ich bin schon seit dreißig Jahren in Wien."

Da auch er nicht wie ein Wiener spricht, stelle ich ihm dieselbe Frage, die er mir gestellt hat, und erfahre, dass er ein Türke ist, der auch seit dreißig Jahren in Wien lebt. Dann entspinnt sich ein Dialog, den ich nicht mehr im Wortlaut, aber doch sinngemäß wiedergeben kann:

Er: "In keinem anderen westlichen Land leben so viele Türken wie in Deutschland und Österreich. Wissen Sie warum?"

Ich: "Sie meinen, warum sie nicht in der Türkei geblieben sind?"

Er: "Nein, das ist überhaupt nicht die Frage. Ich frage Sie, warum so viele Türken in den sechziger Jahren als Gastarbeiter gerade hierher gekommen sind."

Ich: "Man hat sie als Arbeitskräfte angeworben."

Er: "Ja, aber warum gerade die Türken?"

Ich: "Es gab auch italienische, jugoslawische und griechische Arbeiter."

Er: "Ich frage aber nach den Türken: Warum so viele?"

Ich: "Das kann ich Ihnen nicht sagen, was meinen Sie?"

Er: "Man muss die Geschichte studieren, um das zu verstehen. Wenn Du in Not bist, an wen wendest du dich? An deinen Freund oder deinen Feind?"

Ich: "An meinen Freund vermutlich."

Er: "Genau. Deutschland und Österreich waren damals in Not, und sie haben sich an uns als Freunde gewandt. Warum?"

Ich: "Meinen Sie etwa, weil die Türkei im Ersten Weltkrieg mit Deutschland und Österreich verbündet war?"

Er: "Ja sicher. Der damalige deutsche Bundeskanzler, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, ist nach Ankara gefahren und hat uns, die alten Verbündeten, um Unterstützung gebeten. Und wir sind als gute Freunde gekommen."

War das wirklich so? Ich würde gerne einen kleinen Zweifel anmelden. Aber der Redner lässt sich jetzt nicht mehr unterbrechen, denn er hat eine Rechnung offen mit dem Land, in dem er seit dreißig Jahren lebt: "Aber als wir da waren, was war dann? Wir werden verachtet bis zum heutigen Tag, von Integration kann keine Rede sein, wir sind und bleiben Fremde. Das ist Euer Dank für unsere Hilfe! Deshalb werde ich in meine Heimat zurück gehen, sobald ich kann. Aber vorher werde ich noch eine Entschädigung von Österreich verlangen für das Leben, das ich hier führen musste."

Da sind wir auch schon bei mir daheim angekommen. Ich zahle, und der Fahrer wünscht mir freundlich eine gute Nacht.