"Die Menschen hier leben, als gäbe es kein Morgen, dabei bauen sie, als wollten sie ewig leben!" Wer durch die Straßen der Heimatstadt des griechischen Philosophen Empedokles ging, fand dessen Urteil über seine Landsleute bestätigt: In nur wenigen anderen Griechenstädten wurde damals, im 5. Jh. v. Chr., die Lust auf Reichtum und Luxus so offen gezeigt wie in Akragas (heute Agrigent/Sizilien). Die gewaltigen Tempel, die man zu Ehren der Götter und zum eigenen Ruhm errichtete, übertrafen alles bisher Dagewesene: die Monumentalität des "Tempels des olympischen Zeus", mit gut 112 Metern Länge und 56 Metern Breite der größte dorische Tempel überhaupt, wurde noch durch überlebensgroße Halbplastiken von Atlanten betont.

Nicht nur in Akragas gingen die Griechen im 6. und 5. Jh. v. Chr. daran, die Grenzen des Menschenmöglichen neu zu definieren. Auch in anderen Griechenstädten Siziliens und Unteritaliens gab es zu dieser Zeit eine geistig-kulturelle Aufbruchsstimmung, die ihren Ausdruck in atemberaubenden Bauten, prachtvollen Kunstwerken und revolutionären philosophischen Theorien fand. "Megale Hellas", das große Griechenland, wurde diese neue griechische Welt im Mutterland genannt, was nicht nur deren räumliche Weite treffend beschrieb, sondern auch die Denk- und Lebensweise ihrer Bewohner.

Das Überschreiten der Grenzen des Bekannten und Vertrauten lag den Großgriechen im Blut, waren sie doch Nachfahren jener wagemutigen Männer, die einst ihre alte Heimat verlassen und sich auf eine gefahrvolle Reise über das Meer gemacht hatten, um an fernen Küsten ihren Traum von einem besseren Leben zu erfüllen. Auf Sizilien fanden sie schließlich, was im kleinräumigen und überbevölkerten Griechenland fehlte: Ackerland in Fülle und klimatische Verhältnisse wie geschaffen für den Anbau von Getreide, Wein und Oliven. Genau diese Produkte waren es denn auch, die Städte wie Akragas rasch zu den reichsten in der ganzen griechischen Welt machten.

Da die Oberschicht ihren Reichtum nicht nur zu einem Leben in Luxus nützte, sondern auch verschwenderisch in Kunst und Kultur investierte, machten sich schon bald Künstler, Dichter und Denker auf, um in der neuen, "großen" griechischen Welt die Grenzen ihres schöpferischen Geistes zu erproben. So kam es, dass Pindar, der berühmteste Dichter der damaligen Zeit, einige seiner schönsten Oden für niemand anderen als Theron, den legendären Tyrannen von Akragas schrieb: "Gerecht im Umgang mit Fremden, die Stütze von Akragas, bis Du edler Theron", hebt etwa die lobpreisende 2. Olympische Ode des Poeten an.

Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie/Alte Geschichte; lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.