Ich dachte, mich kann wenig überraschen. Zumal in meinem ureigensten beruflichen Umfeld. Als Musikverleger und Label-Betreiber zählt es zum professionellen Pflichtenheft, kulturelle und damit eng verzahnte technische Entwicklungen zu überblicken. Und, sofern nötig und möglich, sie zu erproben, zu implementieren und zu nutzen. Der Fortschritt ist - wie in vielen anderen Gebieten auch - so rasant, dass das nur mit Mühe gelingt. Vielfach ist es auch eine Generationenfrage. Mit dem einen oder anderen Trend kann man sich anfreunden, mit manchen Innovationen (die oft genug nur Pseudo-Innovationen sind) weniger.

Diesmal aber war ich sprachlos. Dabei handelte es sich gerade mal um eine Personalie, die mir im Online-Fachmagazin "Music Business Worldwide" aufgefallen war - freilich versehen mit einigen weiterführenden Anmerkungen und Schlussfolgerungen ("Welcome To The Future"). Kurzgefasst ging es in dem Artikel um den Wechsel des Erfinders und Entwicklers François Pachet von Sony zu Spotify. Das sind zwei weltweit operierende Unternehmen, die mit Musik einiges am Hut haben - es wäre aber nicht weiter der Rede wert, hätte Pachet nicht zwanzig Jahre lang eine führende Rolle im Sony Computer Science Laboratory in Paris innegehabt. Sein Spezialgebiet ist Künstliche Intelligenz (kurz: AI). Anno 2012 leitete der französische Forscher ein Team, das die ersten Pop-Songs schuf, die eine Maschine komponierte. Folgerichtig gründete man auch gleich ein Label, das der Veröffentlichung von AI-Werken dient.

Diese Kompositionen, die nicht dem Gehirn eines Menschen entsprangen, sind hörbar keine Instant-Nummer eins-Hits, aber gewiss nicht unoriginell. Vor allem auch, weil hier Computer-Algorithmen keine klischeehaft kühle, gänzlich fremde Ästhetik schaffen, sondern sich ganz im Gegenteil einer Rekonstruktion humanoider Kreativität widmen. Erst vor wenigen Monaten haben François Pachet und seine Kollegen zwei Werke veröffentlicht - eines im Stil der Beatles, ein anderes, das die US-Musikergrößen Duke Ellington und Irving Berlin zum Vorbild hat.

Nun hat dieser Daniel Düsentrieb des Musikgeschäfts also bei Spotify angeheuert, dem führenden Streaming-Service. Das erschiene nicht weiter verwunderlich - rein digitale Plattformen investieren wie wild in mögliche Evolutions-Verästelungen wie Big Data, Crowd-Empfehlungen oder Smart Home-Technik -, gäbe es in letzter Zeit nicht ein intensives Branchen-Rätselraten um sogenannte "Fake Artists". Es geht das Gerücht um - Spotify dementiert scharf -, dass solche real nicht existierende Namen und Künstler zunehmend in Spotify-Playlists zu finden sind. Warum das? Weil für Musik Tantiemen zu bezahlen sind - und ein marktbeherrschender Vertrieb freilich nicht selbst als verschleierter Rechteinhaber und Anbieter von Inhalten auftreten kann.

Möglich, dass irgendjemand in der Chefetage des schwedischen Unternehmens (an dem die Major-Musikindustrie Anteile hält) nun meint, dass mit Musik, die von Künstlichen Intelligenzen geschaffen wurde, die Karten neu gemischt werden. Tantiemen fallen für Roboter jedenfalls keine an. Der Rest ist (noch) pure Fantasie.