Es gibt Kolumnentexte, die sind für die Fisch’. Entschuldigen Sie die leger formulierte Unterstellung - Sie lesen meine dieswöchige Epistel ja gerade und eventuell ziehen Sie auch konkrete Schlüsse daraus. Aber die journalistische Erfahrung sagt, dass manche Themen so komplex und abstrakt sind, dass kaum jemand darauf reagiert. Sieht man von einer Handvoll Nerds (oder Wissenden, die für solche gehalten werden), Berufsskeptikern und notorischen Schwarzsehern ab. Ein solches Thema ist die Überwachung der Staatsbürger. Was uns einmal mehr von der Politik als "Sicherheitspaket" angedient wird - ein Euphemismus der Sonderklasse -, greift mittels avanciertester Technik tief in unsere Grundrechte ein. Der "zwischenmenschliche Gedankenaustausch" - das umfasst weit mehr als banale Telefonate, SMS, E-Mails und Videobotschaften - soll ab 2018 durchgehend aufgezeichnet und auf einfachen richterlichen Beschluss ausgewertet werden

können. Sollte man etwas dagegen haben und versuchen, seine Kommunikation zu verschlüsseln, wird einem eventuell unter der Hand ein "Bundestrojaner" auf den Rechner geschmuggelt - eine Software, die selbst die privatesten Geheimnisse ausliest und weiterleitet. Der "gläserne Mensch" ist keine Vision düsterer Gesellschaftsutopien mehr, sondern staatlich sanktionierte, ja aktiv forcierte Realität.

Nun kann man freilich der Vorstellung des Innenministers und seiner Experten anhängen, dies alles geschähe zu unser aller Wohl und diene der "Bekämpfung des Terrors". Die Realität freilich zeigt: Der Staat ist weit davon entfernt, die anfallenden Datenmengen auch nur sichten, geschweige denn präventiv auswerten zu können. Hier wird eine "Sicherheit" vorgegaukelt, die nicht existiert und niemals existieren kann. It’s business, stupid! Sowohl politisches Tagesgeschäft als auch handfestes Illusionstheater. "Für jene, die das Paranoia-Business betreiben, ist es eine Gelddruckmaschine", schrieb ich einmal. "Passiert nichts, hat man ,es verhindert‘ - und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren. Passiert etwas, hat man ,es gewusst‘ (oder zumindest ,erahnt‘) - und plädiert dafür, noch mehr in Überwachung zu investieren." Ein geschlossenes System, im wahrsten Sinn des Wortes.

Nun höre ich unausweichlich wieder jene (Pardon!) Idioten ihre Stimme erheben, die die "logische" Argumentation "Wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu befürchten!" ins Treffen führen. Das Zitat hat zwar nicht Joseph Goebbels als Urheber (wie ihm fälschlicherweise zugeschrieben wird), ist aber ungeschaut der Lieblingsspruch all jener Kräfte und Mächte, die "Terror" definieren, wie es ihnen in den Kram passt. Und jede technische Möglichkeit der

Bespitzelung in jeder nur denkbaren Weise ausreizen, anwenden und missbrauchen. Muss ich Ihnen die Staaten aufzählen, in denen derlei Alltag ist? Ich fürchte, die Liste jener Länder, wo die "Großer Bruder"-Doktrin noch nicht gilt, ist kürzer.

Und jetzt reihen wir uns freiwillig ein in die Riege der Überwachungsstaaten? Wird wohl halb so schlimm, werden manche sagen, Österreich ist ja - Karl Kraus zufolge - nur die Versuchsstation des Weltuntergangs. Und ein Sobotka kein Erdogan. Aber hat dieses vielgeprüfte Land wirklich nichts aus der Geschichte gelernt?