Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Der Kleine sitzt hinten und singt. Es sind keine Worte, wie wir sie verstehen. Und keine Melodie, die man im Radio hört. Es klingt ein bisschen wie Wal-gesang, meint meine Liebste. Und hat wohl Recht damit. Der Gesang zeigt an, dass der Bub gleich einschlafen wird. Wir haben ihn so eng wie möglich in die Kraxe geschnallt, damit er nicht schaukelt und mit dem Gesicht gegen den Polster schlägt. Er ist dick eingepackt in Filzanzug und Anorak, und hält "Otti", seinen kleinen Stoffhasen, in der rechten Hand.

Menschenkinder sind "Traglinge", heißt es in Büchern und Eltern-Foren. Der Begriff stammt vom deutschen Naturforscher Bernhard Hassenstein, der in den 1970er Jahren zum Thema Brutpflege forschte. Zu den Kategorien Nesthocker und Nestflüchter stellte er eine dritte: Jungtiere, die am liebsten an den Eltern hängen. Kängurus zählen etwa dazu, aber auch Primaten, darunter der Mensch.

Der vielleicht ultimative Tragling ist unser zehnmonatiger Sohn. Wo man ihn herumschleppt, ist ihm weitgehend egal. Die Stadt ist genauso gut wie das Zillertal, wo wir heuer unseren Sommerurlaub verbringen. Zehn Tage befördern wir den Buben von einem Gipfel zum nächsten. Tragen ihn über Almen und Steige. Einmal marschieren wir mit Bergtouristen im Gänsemarsch die engen Kehren hinauf. Ein andermal dorthin, wo die Gletscher vergehen. Wir zeigen ihm Bergziegen, Schafe und auf der Olpererhütte auf knapp 2400 Meter Seehöhe die hochalpinen Hendln, die dort wohnen. In den Hütten probiert er vom Tiroler Gröstl und schäkert mit den Wirtstöchtern. Einmal zieht er ein Kälbchen am Ohr und kichert vorwitzig.

Es muss ein uraltes Programm sein, das tief in die DNA der Menschen geschrieben ist: als würde per Knopfdruck ein Ruhemodus aktiviert, sobald man sich auf den Weg begibt. Vielleicht ein Schutz für unsere vagabundierenden Vorfahren vor vielen tausend Jahren.

Nach Rückkunft im Quartier fährt das System jedenfalls wieder zu voller Leistung hoch. Aus dem Tragling wird ein Wüterich. Gerade tobt unserer durchs Zimmer. Klettert über das Matratzenlager, von dort auf die Couch und hechtet kopfüber wieder herunter. Weiter zum Sessel, raufgezogen, ausgerutscht, mit der Stirn gegen das Sesselbein geknallt. Schmerz und Tränen. Zorniges Wehren gegen das Kühlkissen. Beule am Kopf.

"Ihr hattet euren Spaß", scheint er den Eltern zu verdeutlichen: "Jetzt bin ich dran." Bis spät in die Nacht und länger wird der Ex-Tragling toben. Derweil liegen die Eltern müde und erschöpft von der Wanderung auf dem Teppichboden. Wie zwei gestrandete Wale. Und reif für den Urlaub vom Urlaub.