"Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung." Diesen Satz, Ende des 19. Jahrhunderts getätigt von Kaiser Wilhelm II., anno 2017 in "Auto Bild" zu lesen, lässt eine gewisse Verblüffung aufsteigen. Nicht, dass man in der Redaktion der größten europäischen Auto-Gazette nicht schon öfter auf das Zitat zurückgegriffen hätte - aber es diente immer als Illustration einer fundamentalen Fehleinschätzung der weiteren Entwicklung. Das Auto, wissen wir aus eigener Anschauung, wurde zu einem der bestimmenden Faktoren des 20. Jahrhunderts. Nun aber befinden wir uns mitten in einer erneuten Zeitenwende, die mit einer - selbst Fachleute erstaunenden - Vehemenz, Rasanz und Dramatik das Ende der Diesel- und, ja, auch der Benzinmotore verkündet, Elektromobilität und fahrerlose Fortbewegung propagiert und in letzter Konsequenz den Individualverkehr per se hinterfragt. Insofern ist es nur konsequent, wenn "Auto Bild" unter dem Titel "Auf der Entschleunigungsspur" nochmals den alten preußischen Monarchen zu Wort kommen lässt. Und es, eventuell mit bitterer Ironie, "faszinierend" findet, dass in Belgien und Frankreich Pferdekutschen wieder Schulbusse und Müllwägen ersetzen.

Freilich ist das nur eine Fußnote der Geschichte. Aber man sollte sich einige noch auf Papier gedruckte Ausgaben der Automobil-Zeitschriften unserer Tage aufbewahren, um sie einst den Enkeln zu zeigen - selten wird man eine aussagekräftigere Dokumentation der Vogel-Strauß-Taktik finden, mit der in manchen (keineswegs: allen) Redaktionsstuben auf den Paradigmenwechsel reagiert wird. Konterkariert ist dieser Status quo bisweilen von einer kuriosen Vergötterung der Visionen von Elon Musk & Co., während wieder andere - mehr der Erfolgsgeschichte der deutschen Autoindustrie zugeneigt und eventuell auch ihrem kräftig sprudelnden Inserate-Quell - Tesla und Konsorten als Börse-Hasardeure und Schaumschläger, die auch nur mit Wasserstoff und Lithium-Ionen-Batterien kochen, abtun. Geschickte Meinungsbildner wechseln die Positionen nach Bedarf. Der Verwirrung des p.t. Publikums wird - ohne dass jemand wirklich sagen könnte, was kommt - mit Überschriften wie "Kaufen Sie ohne Risiko - welche Autos für die Zukunft gerüstet sind" begegnet. Mein Tipp lautet dagegen einfach und billig: abwarten.

Die skurrilsten Erscheinungen im Kräftespiel zwischen Industrie, Konsument, Politik und Medien sind aber jene Kommentatoren, die nun - reichlich spät, dafür umso forscher - staatstragende Artikel schreiben mit Sätzen wie: "Jahrzehntelang hat uns die Autoindustrie eingeredet, dass der Diesel gesünder sei als Benzin."

Geht’s noch? Schon einmal etwas von kritischem Journalismus gehört, der sich nicht selbst mit einem PR-Organ verwechselt (und das eventuell jahrzehntelang?)Aber es gibt sie noch: die fachkundigen, besonnenen, nicht opportunistischen Kräfte, die ernsthaft zu sortieren versuchen, was in diesen unübersichtlichen, tendenziell hysterischen Zeiten auf den Newsdesk kommt. Vertrauenswürdiger als die Pressesprecher jener Politiker und Manager, die sich auf "Automobilgipfeln" wechselseitig ihre Zukunftstauglichkeit versichern, sind sie allemal.