Allmählich beginnt es zu nerven. Die Modeerscheinung, mit möglichst gewagten Thesen, kruden Argumenten und hanebüchenen Provokationen die Zugriffszahlen auf Online-
Artikel in die Höhe zu treiben, feiert zwar seit Jahren fröhliche Urständ’ - und das nicht nur in Boulevardmedien. Diese Form des Click-Baitings hat aber mittlerweile eine Dimension erreicht, die ihr eine eigene Kategorie zwischen seriösem Journalismus und bewusst fabrizierten "Fake News" sichern sollte. Ich hätte für dieses Phänomen auch einen Namensvorschlag parat: Gossenglossen.

Als Beispiel für diese neue Kategorie wähle ich absichtlich nicht eine jener Gossenglossen, die bestimmte Online-Plattformen - zumeist mit politischer Agenda - wie am Fließband produzieren. Diese Zentralorgane der Desinformation sind ja auch für Laien leicht zu identifizieren, weil sie selbst auf Restbestände von Logik, Recherche, Ausgewogenheit und Empathie keinen Wert legen. Und schlichtweg publizistisches Wutbürgertum verkörpern. Ihr Grund-Habitus kontaminiert auch interessante Gedankengänge und polemische Petitessen; die Suppe ist ungenießbar, erst recht mit zu viel Salz. Leider haben auch Mainstream-Medien das Gewürzbord entdeckt. Und peppen den lauen Faktenbrei mit Chili und Pfeffer auf - in Form von Meinungs-Machthuberei und Provokationspredigten. Selbst vor trockener Technik-Berichterstattung macht dieser Trend nicht Halt.

"Darum sollte man allen Smartphones die Kopfhörerbuchse streichen", lautete etwa kürzlich der Titel eines Artikels des deutschen Fachmagazins "Musikexpress". Der Klinkenstecker sei haltlos veraltet, so die wenig sachkundige Argumentation, weil er bereits im 19. Jahrhundert in den ersten Telefonzentralen zum Einsatz kam. Heute aber gäbe es ja Bluetooth und Apples Lightning-Anschluss. Und wirklich keinen Grund mehr, verzopfte analoge Altertümlichkeiten zu perpetuieren. Dass unzählige Nutzer von Kopfhörern mit Kabel und Klinke das eventuell nicht so sehen - geschenkt. Die forsche Forderung des Autors wurde auf Facebook, Twitter & Co. unzählige Male geteilt. Zugegeben: auch von mir.

Gezielte Provokationen sind halt auch Prüfsteine für die Festigkeit der eigenen Meinung. "Der Kult um Kratzgeräusche" etwa, eine Gossenglosse des Schweizer "Tagesanzeigers", brachte dieser Tage Vinyl-Afficionados in Rage. "Lasset ab von eurem unmoralischen Tun!", appellierte der Autor. "Der Schallplatte fehlt die moralische Legitimation für ihr parasitäres Comeback. Sie klingt unrein, sie ist unpraktisch, sie geht sofort kaputt, sie muss ständig gereinigt werden, und das Wenden von Seite A auf Seite B unterbricht den Fluss der Musik." Und so weiter.

Freilich wehte dem Gossenglossisten rasch ein scharfer Gegenwind in den sozialen Medien entgegen (wenn auch ein Quäntchen zu wenig, um einen Shitstorm zu entfachen). Ich seufzte tief - und kramte im Fundus der Lebensweisheiten eines Mannes, der ob seiner enthusiastischen Unaufgeregtheit heute mehr denn je fehlt: John Peel, der 2004 verstorbene legendäre BBC-Discjockey. "Somebody was trying to tell me that CDs are better than vinyl because they don’t have any surface noise", erzählte er bei solchen Gelegenheiten. Um einen denkwürdigen Kontra- und Schlusspunkt zu setzen: "I said, ‚Listen, mate, life has surface noise."