Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Eine der größten Fähigkeiten des Menschen ist jene zur Selbstreflexion. Zu begreifen, dass man das, was man so sagt und tut, nicht unbedingt so sagen und so tun muss. Dass man dieses Sagen und Tun nicht nur ändern könnte, sondern sogar bleiben lassen. Und die daraus resultierende Erkenntnis, dass das, was man eben sagt und tut, nicht unbedingt absolut richtig ist, nur weil man selbst der Urheber dieses Sagens und Tuns ist.

So groß und wichtig diese Eigenschaft ist, so unbeliebt ist sie auch. Gesellschaftliche Phänomene wie die Herren Trump, Putin, Erdogan, Kurz, Strache, Gabalier, der IS oder der Werbeslogan ". . . sagt der Hausverstand" wären allesamt unbekannt, hätte die Selbstreflexion mehr Follower im Real Life.

Deshalb möchte der Autor mit gutem Beispiel vorangehen.

Nur leider entsteht damit gleich das erste Problem: Denn schließlich ist man bei der Selbstreflexion nicht vor Selbstbetrug gefeit. Oder anders gesagt: Wenn einem irgendetwas nicht passt, einen magerlt, anzipft oder gar das G’impfte aufgehen lässt, kann man sich nie sicher sein: Bin i jetzt deppert - oder spinnen die anderen? Ein Problem, dass die oben genannten Herren und ihre Anhänger leider nicht kennen.

Obendrein verändert die Zeit auch das eigenen Empfinden. War man vor 25 Jahren noch gerne um 2 Uhr Früh in Clubs (die damals teilweise noch "Disco" hießen), stand lässig mit einem Bier an der Bar - oder versuchte das zumindest - und genoß den nächtlichen großstädtischen Augenblick mit ausreichender Beschallung, so ist das heute vor allem . . . laut. Und anstrengend. Und das Bier ein besseres Gschloder. Und überhaupt, so spät ist es schon.

Wenn einem das passiert, weiß man, das liegt jetzt nicht am Club. Auch nicht an den Leuten. Und vielleicht nicht einmal am Bier. Man ist einfach - o tempora, o zores - mittlerweile zu alt geworden für das nächtliche Kasperltheater. Aber das ist okay. Schließlich muss ja auch heute wer in den Wirtshäusern sitzen und Beuschel essen. Jede Zeit hat ihre Herausforderungen.

Anders allerdings, wenn man an einem schönen Tag die Donauinsel entlang radelt und in schöner Regelmäßigkeit auf Mitmenschen trifft. Etwas seltsame Mitmenschen. Ob auf Snakebords, Inlineskates, Rollern, Skateboards, Fahrrädern oder nur auf Turnschuhen unterwegs, beschallen sie sich mit Kopfhörern (wenn man Glück hat) oder Bluetooth-Boxen (Pech) mit dem Soundtrack ihres Lebens. Eines Lebens, in dem sie die einzige vorhandene Sprechrolle spielen, alle anderen bestenfalls Statisten sind und dessen letztlicher Sinn darin besteht, davon auch ein Video zu machen, das man ins Netz stellen kann. Denn nur dann lebt man wirklich. Nur digital ist total real.

Und darum steht man da auch mitten auf dem Radweg, besoffen von sich selbst, dreht sich im Kreis als Star des eigenen 3-Minuten-Clips of my Life. Yeah! Leider ist man aber auch noch im Hier und Jetzt so ein total langweiliger Oldschool-Verkehrsteilnehmer. Und wenn der Radfahrer nicht hart abgebremst hätte, würde sein Real-Life-Radlenker im Reality-Duck-Face stecken.

Und da fragt sich dann der Radfahrer, ganz selbstreflexiv: "Bin ich zu alt? Oder die zu deppert?"