Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Ein kleiner literarischer Herbsturlaubsgruß aus Urbino, einer Stadt in der italienischen Provinz Marken und der Gemarkung Pesaro und Urbino. Die Gegend bietet alles, was man in wohltuend oberflächlichen Imaginationen von Wunsch-Italien zusammensucht: Strände, kleine Restaurants auf dem Land, Städte und Städtchen mit dem anmutigen und ganzheitlichen Arrangement bilderbuchartiger Renaissancearchitektur, und dies vor allem im Zentrum Urbinos in idealtypischer Verdichtung im Palazzo Ducale, den Federico da Montefeltro Ende des 15. Jahrhunderts erbauen ließ und damit ein Weltkulturerbe geschaffen hat.

Dieser Hof war die Wirkungsstätte Baldassare Castigliones, der eines der bekanntesten kaum gelesenen Bücher der Welt verfasste und in ihm einen der meist gebrauchten berühmtesten Begriffe schuf: Der Titel des Buches ist: "Il Cortegiano", der Begriff: "Sprezzatura". Über ihn, der heute vor allem die Inszenierung von modischem Firlefanz veredeln soll, ist hier schon geschrieben worden. Daher nun ein paar Andeutungen der weit wichtigeren Botschaft des Buches, die der "Sprezzatura" auch eine ganz andere Bedeutung zumisst, nämlich die der professionellen Eleganz und Gelassenheit.

Der "Cortegiano" beschreibt vier Gespräche des Jahres 1508 am Hof in Urbino, also zur etwa selben Zeit, zu der Machiavelli sein Strategiehandbuch "Il Principe" verfasste, das bis heute - in uninspirierten Kompilationen der aus dem Zusammenhang gerissenen Gedanken - Kalendersprüche liefert und unzählige sogenannte Nutzwert-Titel ". . . für Führungskräfte" provozierte.

Castigliones Buch nun richtet sich - in heutiger Terminologie - eher an die zweite und dritte Führungsebene, also jene Managementschicht, die zwischen strategischer und operativer Ebene angesiedelt ist, den Bereich, in dem Talente heranwachsen und eine größere Zahl von unterschiedlichen Kompetenzträgern für die Vorbereitung oder die Durchführung von Entscheidungen der Konzernspitze verantwortlich ist - ehemals also "Cortegiani". Erklärtermaßen enthält Castigliones Abhandlung eine Ethik, die man heute wohl mit Compliance übersetzen könnte: Der Zweck heiligt hier nicht die Mittel. Und Bildung wird weit höher angesehen als Kriegskunst, vulgo: Strategie. Das ist ein Kern des Diskurses, denn, was die meisten "von Machiavelli lernen"-Traktate nicht ausführen: das 15. und 16. Jahrhundert waren von unablässigen kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt.

Das für viele Leser und Leserinnen interessanteste Detail dieses 1528 erschienenen Buches aber ist die Tatsache, dass der Diskurs der Herren von zwei Damen klug moderiert wird, von Emilia Gonzaga, der Fürstin, und ihrer Schwägerin Emilia Pia. So geschickt, dass die "Cortegiana" zum Vorbild des idealen Hofmannes wird. Das war damals eine Utopie.

Im Unterschied zur Insel Utopia, die Thomas Moore 1516 erfand und die es, so die Bedeutung des Namens, nirgends gibt, war und ist Urbino real.