Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Fasziniert und beklommen verfolge ich die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz: AI - so das gebräuchliche Akronym, das für den englischen Begriff Artificial Intelligence steht - wird in naher Zukunft in allen nur denkbaren Bereichen zum Einsatz gelangen oder ist es bereits. Smarte Kühlschränke, selbstfahrende Autos und diese heftig beworbenen Lausch-Kanister der Online-Unternehmen kennen wir ja schon: Autofahren, Einkaufszettelschreiben, Konsumieren werden bald automatisch erfolgen.

Doch damit nicht genug: Auch Journalismus kann die neue Technologie! Nachrichtenagenturen wie die US-amerikanische Associated Press setzen bereits AI ein, um Texte zu verfassen. Derzeit vor allem in den Bereichen Sport und Lokalnachrichten, berichtet das Wirtschaftsmagazin "Forbes". Die Pyramiden-Struktur von Meldungen - also das Sortieren der Informationen vom wichtigen zum weniger wichtigen - "gneißen" die Text-Bots anscheinend ganz gut. Sie arbeiten dabei schneller als ihre menschlichen Kollegen. Und ohne lästige Kollektivverträge, die bloß Profite schmälern. Als hätte die Zeitungsbranche nicht bereits genug unter der Digitalisierung gelitten! Seit Mitte der 1990er Jahre fegt der Fortschritt Drucktechniker, Archivare und Lektoren aus den Redaktionen.

Andere Branchen erweisen sich als deutlich krisensicherer. Wer hätte vor 20 Jahren geahnt, dass dem Post- und Zustellwesen goldene Zeiten bevorstünden! Hier lässt sich Manpower anscheinend kaum ersetzen. Nicht einmal durch Künstliche Intelligenz. Wahrscheinlich, weil die Mitarbeiter der Zustelldienste bereits ziemlich schlau sind. Die smartesten unter ihnen hat dabei übrigens das Unternehmen DHL. Während die Kollegen von der Post ein Packerl noch altmodisch durchs Haus tragen und notfalls bei der Nachbarin abgeben, hält sich ein DHL-Mann mit derlei Fisimatenten gar nicht erst auf. Früher läutete er noch an der Gegensprechanlage und lief davon. (An der Hauseingangstüre klebte dann eine Notiz.) Inzwischen läutet er weder, noch hinterlässt er eine Nachricht. Stattdessen gibt er die Sendungen direkt in einem Handy-Shop am Weg ab. Eine enorme Produktivitätssteigerung!

Vom Verbleib der letzten Sendung erfahre ich überhaupt nur, als ich beim Händler die Liefernummer ausfindig mache und auf der DHL-Homepage eingebe. So lerne ich, dass es drei Zustellversuche gegeben habe und das Paket jetzt in einem "Partner-Betrieb" auf mich wartet. Wie es geschehen konnte, dass ich von den drei Zustellversuchen nichts mitbekam, obwohl ich den ganzen Tag zu Hause war, vermag ich nicht zu begreifen. Womit sich abermals beweist, dass unser heutiges komplexes Leben ohne Assistenz durch AI kaum zu bewältigen ist . . .