Hermann Schlösser, von 1997 bis 2017 Redakteur der "extra"-Beilage - und bald im sogenannten Ruhestand, über den er hier mit sich selbst dialogisiert...
Hermann Schlösser, von 1997 bis 2017 Redakteur der "extra"-Beilage - und bald im sogenannten Ruhestand, über den er hier mit sich selbst dialogisiert...

"Hallo! Dich habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen! Wie geht es immer?"
Eh gut, und selber?"
"Auch gut, kann mich nicht beschweren. Ich bin gesund, die Familie auch, das Geschäft läuft einigermaßen. Also alles im grünen Bereich, wie man sagt."
"Das freut mich. Man ist ja heutzutage schon beruhigt, wenn einer nicht gleich zu jammern anfängt, bloß weil man ihn ganz harmlos gefragt hat, wie es ihm geht."
"Nein, Jammern ist nicht meins. Das verdirbt einem nur die Laune, und hilft gar nichts. Man muss ja doch immer weitertun."
"Da hast Du Recht. Übrigens höre ich bald auf weiterzutun."
"Wie?"
"Na, ich gehe in Pension."
"Ach, ist es schon so weit? Hätte ich mir nicht gedacht. Ein gutes Gefühl, nehme ich an, oder?"
"Im Großen und Ganzen schon."
"Und was machst Du dann mit Deiner vielen Zeit? Du hast bestimmt große Pläne."
(singt): "Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht."
"Sehr lustig."
"Naja, ich bin halt froh, dass ich in Zukunft keine Pläne mehr machen muss."
"Aber ein bisschen planen ist schon nötig, meine ich, sonst sitzt Du am Ende da und langweilst Dich. Das kanns ja wohl nicht sein."
"Natürlich stimmt der Brecht-Evergreen nicht ganz. Hier und da muss man sich was überlegen, das weiß ich selber. Langweilig sollte es eher nicht werden. Aber wenn ich mir einen generalstabsmäßig getakteten Tages- und Wochenplan zulege - montags Fitness, dienstags Awareness, mittwochs Wellness -, werde ich sozusagen zu meinem eigenen Vorgesetzten, der strenger mit mir umgeht als alle meine bisherigen Chefs. Davon halte ich nicht viel."
"Okay, das verstehe ich. Die Freiheit ist ein Pluspunkt, wenn man nicht mehr arbeiten muss. Den sollte man sich nicht selber wegnehmen. Wenn einem danach ist, kann man natürlich am Montag auf das Fitnesstraining verzichten und stattdessen einen Ausflug nach Bratislava machen, dort an der Donau eine Melange trinken und darüber nachdenken, dass die Stadt auf Deutsch Pressburg heißt und der Fluss auf Slowakisch Dunaj."
"Richtig, und am Mittwoch könnte man nach Sopron fahren, am Donnerstag auf den Semmering und so weiter. Es gibt genug Ziele. Meistens bleibt man am Ende zwar am liebsten daheim, aber das Nachdenken über verschiedene Möglichkeiten ist schon ein Wert für sich . . ."
"Wie meinst Du das?"
"Das weiß ich noch nicht so genau. Irgendwie habe ich halt das Gefühl, zum guten Älterwerden gehöre auch die Kunst, nicht mehr alles tun zu müssen, was man tun könnte. Denn man hat ja erstens schon manches hinter sich, und zweitens gibt es auch Träume, die nur schön sind, so lange man sie nicht verwirklicht."
(schaut auf die Uhr): "Du, ich muss weiter! Hat mich gefreut, Dich zu treffen! Ich wünsche Dir alles Gute für die Pension!"
"Danke, und ich wünsche Dir ruhige Weihnachtstage!"