Manche Kolumnen schreiben sich quasi von selbst. Wenn man aufmerksame Leserinnen und Leser hat, die dem Autor den einen oder anderen Fingerzeig geben. Wie etwa Karin S., die mir dieser Tage eine Depesche schickte, ob ich "davon" schon gehört hätte. Wovon? Davon, dass jeder in der näheren Zukunft jene Romanenden zu lesen bekäme, die ihm gefallen. Also: individuelle oder zumindest variantenreich-spezielle, den Bedürfnissen und Erwartungen des Lesers nach maßgeschneiderte Schlusssätze eines literarischen Werks.

Nun ist der Anfang eines Romans von enormer Wichtigkeit. Ohne schreiberische Brillanz und Suggestionskraft wird man eventuell erst gar nicht in die zeitraubende Lektüre eines mehrere hundert Seiten dicken Schmökers hineingezogen - und legt das Buch oder den E-Book-Reader relativ rasch relativ enttäuscht wieder aus der Hand. Für die emotionale Nachhaltigkeit sorgt aber meist das Schlusskapitel eines Romans. Hier wird alles aufgelöst (oder auch nicht), hier steuert alles auf ein mehr oder minder furioses Finale zu, hier finden alle und alles das verdiente Ende. Bisweilen erahnt man eine mögliche Fortsetzung. Fast immer aber klingt der letzte Satz noch lange nach.

Und das soll nun anders werden? Im Gegenteil. In modernen Zeiten, in denen es mehr um die Optimierung von Konsumprodukten geht denn um romantische Vorstellungen von Literatur, entkommt man kaum der digitalen Logik. Freilich wird es niemand wagen, Goethe, Kafka oder Menasse umzuschreiben. Aber der trashige Liebesroman oder die Science-Fiction-Seifenoper vom Fließband stehen absehbar nicht unter Artenschutz. Zumal die Ergüsse von Myriaden von Menasse-Ministranten und Hobbyschreiberinnen, die niemals auf Papier gedruckt werden, um wenige Cent zum Download bereitstehen.

Amazons Kindle oder der Tolino der Buchkette Thalia - um zwei gebräuchliche E-Book-Reader zu nennen - sammeln ja nebenher alle möglichen Daten: Welche Texte bevorzugt der User? Wie lange braucht er für die Lektüre? Bricht er sie gar ab? Unterstreicht er Sätze? Werden gekaufte Bücher wieder gelöscht? Usw. usf. Auf Plattformen wie GoodReads, LovelyBooks oder Jellybooks gibt man zudem freiwillig noch mehr von sich preis. Das sogenannte "Social Reading" - also der Austausch mit anderen Lesern - lässt ganz unkompliziert ein Profiling zu. Und wenn man dann noch der Verlockung erliegt, zum "Testleser" zu werden - also ganze Kapitel noch unveröffentlichter Romane vorab studieren und beurteilen zu können, eventuell auch das Ende (oder gar diverse Varianten davon) -, ist der gläserne Literaturfreund mit optimalem Befriedigungspotenzial in Sichtweite. Sie finden das befremdlich? In der Filmindustrie ist es längst gang und gäbe. Gefällt bei einer exklusiven Kino-Vorpremiere dem Großteil des Publikums der Schluss des Films nicht, wird rasch ein anderer gedreht.

"Die Masse will keine Qualität, sie will Genuss." Sagt Karla Paul, laut dem Magazin "Neon" die "neue Literaturpäpstin" des deutschsprachigen Verlagsgeschäfts. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass Sie das als - arg nüchternes - Ende der Kolumne so stehen lassen wollen.