Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Unlängst lasse ich ihn kurz aus den Augen. Finde ihn wenig später im Badezimmer wieder. In Triumph-Pose steht er auf der Waschmaschine. Auf Zehenspitzen, die Hände über den Kopf gestreckt. Um ihn herum: Wasch- und Reinigungsmittel, die nie-nie-niemals in seine Hände gelangen dürfen. Unter ihm: der Steingut-Fliesenboden. Der Blick des 15 Monate alten Buben ist erwartungsvoll auf mich gerichtet. "Papa!", sagt er, lächelt stolz und applaudiert sich selbst: "Papa, bravo!"

Papa ist ohne Frage tief beeindruckt. Zwei Emotionen dominieren, von denen ich bis dahin nicht wusste, dass sie gemeinsam auftreten können: Stolz und - Panik.

Mit einer Mischung aus technischen Tricks, Antizipation und Reflexen, aber immer angewiesen auf die Gunst des Schicksals, ringen Eltern darum, ihre Brut am Leben zu halten. Es gilt, die unbändige Neugierde des Kindes - Lebenslust in ihrer ursprünglichen Form -, zuzulassen und weitestmöglich zu fördern. Zugleich sollen tödliche Gefahren - so weit es geht - eingehegt werden. Die Videoplattform YouTube kennt eigene Kategorien wie "Dad saves" oder "Super-Moms", die Bilddokumente sammeln, in denen Eltern gerade noch dazwischengehen, ehe Sprösslinge in den Rasenmäher geraten, von der Schaukel fliegen oder eine Boule-Kugel auf die Nase bekommen.

Wozu der Mensch in der Lage ist, weiß er erst, wenn er zum Elternteil wird. Wie behände ich mich bücken kann, wurde mir bewusst, als mir mein Bub im Alter von drei Monaten vorwärts aus dem Schlafsack kippte. Die Kleinen sind so kopflastig! Erst eine Handbreit über dem Fußboden gelang es mir, den Buben aufzufangen. Die Szene verfolgte mich wochenlang in Albträumen.

Natürlich besteht der Großteil elterlicher Protektorats-Arbeit aus Vorsorge. Heizungsrohre, Bedienelemente für Herd, Geschirrspüler und Waschmaschine: mit rosa Gaffer-Band, Klorollen und Eierkartons gepolstert und zugepickt. Steckdosen und Kabel: mit Kindersicherungen versehen bzw. entfernt. Wohnzimmereinrichtung samt Couchtisch mit gefährlichen Kanten: verscherbelt. Das Badezimmer galt uns bisher als relativ sichere Zone. Nur der Bidet-Stöpsel musste verwahrt werden, weil den der Bub gern zur detaillierten Untersuchung herausnahm.

Und dann kraxelt dieser Zwerg, der gestern noch nicht einmal den Kopf heben, geschweige denn laufen konnte, plötzlich auf die Waschmaschine.

Während ich rasch, aber möglichst unaufgeregt zum Buben hechte, stoße ich Gebete an alle irdischen und überirdischen Mächte in den Äther: Lasst ihn bitte, bitte nicht das Gleichgewicht verlieren auf seinen wackeligen Beinchen. Dann drücke ich ihn fest an mich: "Sehr gut gemacht. Bravo. Aber bitte tu das nie mehr wieder!"