Ich werde diese Dokumentation gesehen haben. Futur Exakt! Tatsache ist (zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen): Noch habe sie nicht gesehen. Die Dokumentation "Hinter dem Hype" von Jakob Steinschaden und Ed Moschitz nämlich, die im öffentlich-rechtlichen Auftrag einen Blick hinter die Kulissen der hiesigen Start-up-Szene wirft. Sie läuft beziehungsweise lief am Mittwoch auf ORFeins, und zwar - aber hallo! - im Hauptabendprogramm. Und das ist gut so.

Warum? Weil es einer dringenden Entmystifizierung modernen Wirtschaftslebens bedarf. Start-ups leben zu einem nicht geringen Teil davon, dass sie die Aura glücksverheißender Modernität und inhärenter Zukunftstauglichkeit umweht. Das ist natürlich Unsinn - weil im Alltag in all den hippen Glücksritter-Buden genauso mit Wasser gekocht wird wie in Traditionsunternehmen und Vorstadtgaragen. Es gibt exakt einen Unterschied: notwendigerweise frisches, hochkonzentriertes, auf die "unique selling proposition" ausgerichtetes Denken und Handeln. Oft ist der Gründungsimpuls eine Marktanalyse, die alle vorhandenen Spielfiguren vom Brett fegt. Tabula rasa. Darüber würde ich prominente Vertreter der lokalen Start-up-Landschaft - etwa Hansi Hansmann, den Adult-Pop-Star unter den Investoren - gerne reden hören. Beziehungsweise reden gehört haben. (Einige unter ihnen werden die Kolumne noch als aktuellen TV-Tipp zu lesen bekommen, den Leser/innen der Papierausgabe der "Wiener Zeitung" steht die ORF-TV-Thek zu Diensten. Grandiose Erfindung, das: nonlineares Fernsehen!). Und, ja, mich würde auch die professionelle Erkenntnislage von kundigen - oder zumindest höchst neugierigen - Journalisten wie Moschitz und Steinschaden interessieren, die ja immerhin monatelang recherchiert haben: Hype - oder doch nicht? Aber eine gute Dokumentation beantwortet diese Frage von selbst.

"Ungewöhnlich war", berichtete Moschitz vorab im themennahen Medium trendingtopics.at, "dass die Protagonisten der Start-up-Szene es nicht gewohnt sind, dass ihnen jemand auf den Zahn fühlt." Kurioserweise scheint aber zugleich "jeder durchschnittliche Start-upper schon vor der Gründung einen Pressesprecher zu haben." Könnte, wenn Sie mich fragen, damit zu tun haben, dass ferne Beobachter - es sollen auch skeptische, ältere Wirtschaftspublizisten darunter sein - hinter jeder banalen Investition in Start-up-Vehikel, Businesspläne und Personen gleich ein potenzielles Betrugsszenario vermuten. Oder, im Gegenteil, ein quasi unabwendbares Dagobert-Duck-Schicksal. Hier tut Aufklärungsarbeit wirklich not.

Vielleicht lade ich mich zum TV-Abend zu jemandem ein, der aus der Praxis zu all dem etwas zu sagen hat. Denn eines habe ich gelernt (und zwar im engeren Familienkreis): Man überschätze Start-ups nicht, aber man sollte sie auch keinesfalls unterschätzen. Es gilt die alte Erkenntnis: Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Sie stammt von Victor Hugo. Und lautete ursprünglich so: Man kann der Invasion von Armeen Widerstand leisten, aber keiner Invasion von Ideen. Dass der ORF seine eigenen Start-up-Pläne à la mode wieder zu den Akten gelegt hat, halte ich übrigens für einen nachgerade klugen Einfall.