Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker und lebt in München.

Andreas Wirthensohn, geboren 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker und lebt in München.

Kennen Sie die Firma HappyOrNot? Nein, nie gehört? Aber Sie haben bestimmt schon auf einem Gerät dieser Firma Ihren Fingerabdruck hinterlassen. Denn man findet sie immer häufiger, die süßen kleinen Smiley-Terminals von HappyOrNot. In immer mehr Geschäften wird man am Ausgang aufgefordert, "unseren Service heute" oder "Ihren Einkauf" zu bewerten. Zu diesem Zweck soll man einen von vier möglichen Smiley-Knöpfen drücken, von grün/Mundwinkel ganz oben bis rot/Mundwinkel ganz unten. Und ich muss gestehen: Ich liebe ihn, diesen Moment kurz vor dem Hinaustreten auf die Straße, der mir die Möglichkeit gibt, innezuhalten, die in diesem Laden verbrachte Zeit Revue passieren zu lassen, mir klar zu werden, was dieser Einkauf für mich bedeutet. Es ist ein Moment der Reflexion, der Sammlung, der Übersetzung von Gefühlen in Urteile, von Sentiment in Statistik. Ich stehe oft ein paar Minuten abwägend vor den Terminals, bevor ich entschlossen meinen Finger auf einen der Knöpfe setze.

Ja, ich bin ein Bewertungsfreund. Nein, mehr noch: Ich bin ein Bewertungsfanatiker, ein Bewertungsjunkie. Ich bewerte, wo es nur geht: bei jedem Interneteinkauf, bei jeder App, in jedem Laden. Wer von mir bewertet werden möchte, bittesehr! Und je ausführlicher ich bewerten darf, desto glücklicher bin ich. Mit einem einfachen "Daumen rauf!" oder "Gefällt mir!" ist es bei mir längst nicht mehr getan. Und auch die vier Smileys entsprechen in keinster Weise der Vielfalt meiner Empfindungen. Nein, ich will differenziert bewerten, möglichst auch eigene Einschätzungen zu einem Produkt, einer Website, einem Einkauf abgeben.

Neulich etwa erstand ich in Schärding zwei Pfannen. Nichts Großes eigentlich, ein Schaufenster mit preisreduzierter "High Quality Cookware" aus Dänemark hatte meine Aufmerksamkeit erregt, und da die "Cookware" zu Hause schon etwas abgegriffen war, dachte ich, gut, ergreife ich die Gelegenheit und beglücke den oberösterreichischen inhabergeführten Einzelhandel. Zu meiner großen Begeisterung wurde ich schon am Eingang von zwei jungen Damen begrüßt, die mir einen dreiseitigen Fragebogen in die Hand drückten mit der schüchternen Bitte, ob ich nicht vielleicht . . . Verbesserung der Servicequalität usw.

Mit einem beherzten "Natürlich!" machte ich mich an die Arbeit, die Pfannen waren nur noch Nebensache, und nach einer halben Stunde drückte ich den beiden eine ausführliche Beurteilung in die Hand. Ich muss gestehen: Es war eines der schönsten Einkaufserlebnisse seit Langem. Ach ja: Die Pfannen sind wirklich super. Nur leider wollte noch niemand eine umfassende Bewertung von mir.