Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Wer von Berufs wegen schreibt, interessiert sich natürlich für die Arbeitsweise und Rituale großer Autoren. Von Joseph Roth zum Beispiel ist bekannt, dass er meist betrunken im Kaffeehaus schrieb. Jane Austen, so wird kolportiert, verfasste ihre Werke im Salon, während ihre Mutter und Schwester dort strickten. Hunter S. Thompson stand beim Verfassen seiner Texte unter Einfluss psychedelischer Substanzen und ballerte in kreativen Pausen mit einem Revolver herum. Unter den Autoren gibt es geniale Exzentriker wie pedantische Freunde strikter Bürostunden, Frühaufsteher wie Nachteulen.

Unabhängig davon, wie die alten Literaten ihren Alltag strukturierten - es ist aus heutiger Sicht unverständlich, wie sie jemals ein Buch fertigstellen konnten. Ich spreche jetzt nicht davon, dass sie ihre Worte mit Federkiel auf Pergament kritzelten oder - etwas weniger mühsam - mit einer mechanischen Schreibmaschine auf lose Blätter tippten. Auch dass sie zum Recherchieren auf die Straße rausgehen mussten, ist natürlich crazy, aber nicht Thema dieser Glosse.

Was mich beeindruckt: Die Dichter von einst kamen vollkommen ohne die raffinierten Produktivitäts-Tools aus, wie sie uns heute zur Verfügung stehen und mit denen wir unsere Effizienz messen können. Ein Beispiel: Pomodoro. Diese Technik - sie geht auf den Unternehmensberater und Buchautor Francesco Cirillo zurück - teilt den Arbeitstag in Produktionshappen von 25 Minuten, gefolgt von jeweils fünf oder 15 Minuten Pause. Die Prämisse dahinter: kein Mensch kann sich am Stück länger als eben diese 25 Minuten konzentrieren. Warum ihn also quälen?

Selbst geplagt von Prokrastina- tion (dieses Modewort bedeutet Faulenzen und geht meist mit ziellosem Umhersurfen im Internet einher) und Konzentrationsschwäche, gehört die Pomodoro-Technik samt dazugehöriger App heute zu meinem persönlichen Arsenal an Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung. Weitere sind: Nicht-Stören-Modus am Handy, Not-to-do-Listen und "Das Wohltemperierte Klavier", eingespielt von Friedrich Gulda, in Endlosschleife.

Ziel all dieser Instrumente: Ablenkung und Unruhe beseitigen. Erzeugt wird eine Atmosphäre wie am Schreibtisch auf einer Veranda mit Blick in einen grünen Garten oder auf ein Bergpanorama. Ein Ambiente, so beschaffen, dass die Quelle der Schaffenskraft freudvoll sprudeln will. Zarte Knollen künftiger Texte, umspült und genährt vom verunreinigten Gedankenfluss, wachsen aus den Tiefen des Unbewussten immer weiter hinauf gen Himmel.

Wem das jetzt zu schwülstig war, der wird sich über diese Notification freuen, die mich gerade erreicht: "Pomodoro ist fertig. Machen Sie jetzt Pause!"