Einmal mehr: Geheule, Gezeter, geradezu greifbarer Geifer. Wo? In den sozialen Medien natürlich, vorrangig Twitter und Facebook. Wenn wir deren - teils unfreiwillige - Rolle als Spiegel der Gesellschaft und Vox-Populi-Indikator aber halbwegs ernst nehmen, dann stehen gerade viele Dinge auf dem Prüfstand. Die Einstellung zum Automobil etwa. "Wenn die Deutschen anfangen, ihre Autokonzerne zu verklagen", war schwarz auf weiß auch in der dieswöchigen "Spiegel"-Ausgabe zu lesen, "dann hat sich etwas gedreht."

Das hat es, zweifelsohne. Jetzt kann man natürlich darauf verweisen, dass Österreich ein eigenständiger Staat ist, bis auf das Magna-Werk in Graz keine nennenswerte Kfz-Industrie besitzt und die anlassgebende Diesel-Schadstoff-Debatte rasch wieder abgedreht wurde. Freilich war es aber ein Landsmann, der im "Spiegel" den Deutschen und, ja, auch uns die Leviten gelesen hat: Hermann Knoflacher, Zivilingenieur und emeritierter Professor am Institut für Verkehrsplanung der Technischen Universität Wien. Und wie er das getan hat! Wir seien, wenn es um’s Auto geht, "dumpfer als Steinzeitmenschen", erklärte er, und würden mit der Maschine "freiwillig unseren eigenen Lebensraum zerstören". Letztlich verlieren Autofahrerinnen und Autofahrer ihre menschlichen Züge - bis zu dem Moment, wo sie ihre auch psychologisch übermächtige Fahrprothese wieder verlassen.

Derlei Aussagen kannte man von Knoflacher, das mochte in seiner radikalen Abstraktheit noch angehen. Als der Verkehrsplaner im Interview aber eingestand, in Wien im Lauf seiner Tätigkeit künstliche Hindernisse für den Autoverkehr geschaffen und systematisch Staus verursacht zu haben, nahm die Entrüstung ihren Lauf. Auch die grüne Verkehrspolitik der Hauptstadt, der man umgehend eine ideologische Knoflacher-Geiselhaft andichtete, wurde einmal mehr zum Zielobjekt der allgemeinen Verdammung. Nun stehe ich gewiss nicht in Verdacht, ein bedingungsloser Anhänger der Front fortschrittlicher Fahrradfahrerinnen und -fahrer zu sein - aber die Reflex- und Schablonenhaftigkeit der Reaktionen von Auto-Fetischistinnen und -Fetischisten war mir dann doch eine Spur zu, hm, verbohrt. "Vassilakous Verkehrsplaner lässt die Maske fallen", empörte sich ein VP-Grande. Die Hupensignale des Zeitgeists überhört? Das Gesetzbuch nicht gelesen? Den Kopf in den Sand gesteckt?

Wie immer man zu Knoflacher stehen mag: Es braucht solche provokant visionären "Narren", um Dogmen in Frage zu stellen. Und sei es, um den Status quo mobiler Freiheit gemäß der von Konservativen gern zitierten Zeilen von Giovanni Tomasi de Lampedusa zu bewahren: "Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert." Nun: Es wird alles nicht so bleiben, wie es ist. Weil es nicht so bleiben kann. Das weiß jede Umweltexpertin, Städteplanerin und verantwortungsvolle Politikerin. Das ahnt jede Besitzerin und jeder Besitzer eines Diesel-Pkws. Das sagt sogar der Chef von VW. Manche Ahnungen der Zukunft handeln von Konsumverzicht, Fahrverboten und Entsagung. Es findet ein "Umparken im Kopf" statt, um einen trefflichen Werbeslogan eines Autoherstellers zu zitieren. Nicht bei allen freilich, aber das wird schon noch.