Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Eigentlich ist die Angelegenheit ja klar: Der Unterschied zwischen Österreich und Deutschland ist, dass die Deutschen eine verlorene Nation sind. Immer wieder zersplittert durch Geschichte, Religion, Kriege, Topografie und Dialekte, sind sie stets gezwungen, sich regelmäßig neu zu erfinden. Dann müssen sie schnell Fußball- oder Exportweltmeister werden oder sich wieder vereinigen oder alles gleichzeitig.

Und falls sie einmal ein paar Monate keine Regierung haben, werden sie nervös. Wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, überfallen sie ihre Nachbarländer und schauen, was dort so los ist. Aber das ist (klopf, klopf, klopf) aus der Mode gekommen. Das tun jetzt dafür die Russen.

Ansonsten müssen die Deutschen immer sehr viel nachdenken, wer sie sind, wer sie nicht sind und was es heißt, Deutscher zu sein. Und was es nicht heißt, Deutscher zu sein. Und was es nicht heißt, nicht Deutscher zu sein. Darüber schreiben sie dann dicke Bücher, sitzen einander in Talkshows gegenüber, vertilgen ihre kulinarischen Errungenschaften (Currywurst) und hackeln ansonsten dauernd wie die Depperten.

Dem Österreicher dagegen ist das alles fremd. Der muss nicht nachdenken. Und schon gar keine Bücher schreiben. Der Österreicher weiß, wer er ist. Und ist ganz einfach. Also vor allem kein Deutscher. Zumindest seit 1945. Mir san mir. Das reicht. Und man merkt es auch gleich, wenn er Fußball spielt. Dahingehend hat der Österreicher eigentlich Mitleid mit den Deutschen. Denn die haben ja sichtlich ein Problem. Wer dauernd so viel Wirbel um sich machen muss, hat ja augenscheinlich einen Minderwertigkeitskomplex. Das kennt der Österreicher nicht, er hat einen Größenwahn. Den nennt er "Hausverstand".

Nur mit diesem einen März vor 80 Jahren haben wir ein Problem. Erstens wird daran gedacht. Denn Jahrestage sind die Untoten der Geschichte. Die kommen immer wieder. Wie Zombies - oder der Osterhase. Und zweitens stehen wir jedes Mal, wenn der Jahrestag kommt, wieder da und fragen uns, wie es denn sein konnte, dass Truppen voller Minderwertigkeitskomplexe ein Land besetzt haben, dessen Bevölkerung sich den Eindringlingen voller Größenwahn entgegengestellt hat. Gut, "entgegen" darf man jetzt nicht wörtlich nehmen. "Wie ein großer Heuriger", haben Helmut Qualtinger und Carl Merz ihren Herrn Karl das nennen lassen. Und beim Heurigen sitzt man ja auch gern einmal gemeinsam am Tisch und schaut in entgegengesetzte Richtungen. Das hilft ja beim Zuprosten.

Aber sonst bleibt es ein Rätsel: Wie konnte das gelingen? Die Antwort liegt im Dunklen, Recherche ist schwierig. Kaum einer der Anwesenden war dabei. Und die Opfer dieses Märzes liegen schon seit Jahrzehnten äußerst auskunftsunfreudig im Grab. Teilweise im Massengrab. Historiker könnte man fragen, aber die reden immer so g’scheit daher. Und g’scheit ist hierzulande nur ein positiver Begriff, wenn einer g’scheit ang’soffen ist.

Vielleicht - so trösten wir uns dann - liegt es daran, dass die Deutschen ein Österreicher angeführt hat. Das würde uns mit uns versöhnen. Denn unser größter Gegner sind immer noch wir selbst. Insofern haben wir uns auch nichts vorzuwerfen.