Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Menschen sind sehr unterschiedlich. Wohin man geht. "Aber wir sind doch anders!", höre ich die Stimme des einfachen österreichischen Volkes rufen, "wir sind doch wir!" Naja. Klar kann es so sein, dass ich mich mit meinen Landsleuten gut versteh’. Und es ist schön, wenn es so ist... aber es muss bei Gott nicht so sein.

Ich kenne Menschen, mit denen bin ich aufgewachsen, habe gemeinsam mit ihnen die Schulbank gedrückt, wir haben die selben Lehrer gehabt, die selbe Musik zur selben Zeit gehört, sind teilweise sogar gemeinsam vergeblich auf die selben Mädchen scharf gewesen... und trotzdem freu ich mich sehr, wenn ich sie nicht sehe. Vielleicht, weil ich sie schon seit Jahrzehnten eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Der Kollege aus Niedersachsen, Namibia oder Novi Sad dagegen, mit dem mich nichts als mein Beruf verbindet und der (oder die) noch dazu viel besser Gitarre spielen kann oder besser singen oder besser tanzen oder besser formulieren kann als ich, der kann trotzdem ein von mir sehr geschätzter Gesprächspartner sein.

Man möge mich bitte nicht falsch verstehen: Ich will mich jetzt in kein schönes Licht rücken. Andererseits ist es völlig klar, dass ich nicht tagaus, tagein mit meiner Philantropen-Kasperl-Mütze durch die Gegend laufe. Selbstverständlich gibt es auch Kollegen, die ich trotz unserer Gemeinsamkeiten auch überhaupt nicht leiden kann. Ich bin Wiener und mit Sowinetz’ "Alle Menschen samma zwider" aufgewachsen.

Wie wenig die Herkunft auf Dauer verbindet, kann man an einem anderen Beispiel sehen: Ich kenne etwa einen Stammtisch von Auslandsösterreichern. Frauen und Männer aus Österreich mit unterschiedlichsten beruflichen Ausbildungen treffen sich in der Fremde, um sich gegenseitig ein bisschen heimatliche Wärme zu spenden... und damit ma wieder so redn ko, wia daham, oiso wia am da Schnobl gwoxn is. Das ist schön und macht Spaß, man tauscht sich aus über die seltsamen Menschen aus dem seltsamen Land, in dem alle jetzt wohnen, und nach etwa einer Stunde reden dann doch wieder die IT-Menschen mit den anderen IT-Menschen, die Finanzberater mit den Investmentprofis, die Chemiker mit den Pharma-Vertretern... und ich als Künstler red dann mit dem Menschen vom Zoo. Der hat am meisten Erfahrung mit seltsamen Vögeln, wie ich einer bin. Man sieht: Selbst wenn sich die Menschen nur nach Abstammung versammeln, ändert das nichts an ihrer gegenseitigen Fremdheit.

Es gibt sogar Dinge, die einen von der Heimat entfremden. Nein, zu milde gesagt: Abstoßen. "Immer wieder, immer wieder"-Geplärr, Mehrwertsteuervorauszahlungen, Skandale im Innenministerium, Andreas-Gabalier-Konzerte, die Antwort "weil I’s sog!", Wahlergebnisse, Eine-kleine-Nachtmusik in der Warteschleife. Insofern bleibe ich bei der alten Weisheit: Wer nix kann und wer nix ist, wird Nationalist. Natürlich gibt es schon Dinge, die es nur und wirklich nur zuhause gibt. Ein echter Wiener Schweinsbraten, kalt, dünn aufgeschnitten, mit Senf und frisch grissenem Kren... mhm... da bin ich daham. Und da fühl ich mich auch geborgen, und ja, ich sage es: verbunden. Innigst verbunden und dankbar. Und dann schau ich mir das Schwein auf meinem Teller an und sag: Du Sau, Du... Du bist Heimat!