Wanderer, kommst Du nach Innsbruck, besuche den Saturn! Was nach einer kryptischen Touristik-Empfehlung für Astro- und Austronauten klingt, hat einen realen Hintergrund. Denn in der Hauptstadt Tirols kann man, so man denn möchte, die Zukunft des stationären Handels studieren. Im Einkaufszentrum Kaufhaus Tyrol.

Dort wurde ein "Saturn Express" eröffnet, der Prototyp eines futuristischen Shops des Handelsgiganten, der gemeinsam mit der Schwestermarke MediaMarkt den Elektro- und Elektronikhandel beherrscht. Ein wesentliches Merkmal dieses Stores ist: Es gibt keine Kassen. Freilich ist die angebotene Ware - hier sind es zuvorderst Kleinteile wie Batterien, Kabel, Kopfhörer, aber auch Kaffeemaschinen - nicht gratis. Es gilt, vorab eine App auf sein Mobiltelefon zu laden, seine Zahlungsverbindungen zu hinterlegen und mit dem integrierten Scanner das Preisschild des gewünschten Objekts zu erfassen. Der Diebstahlschutz wird flugs entfernt. Dann kann man schnurstracks wieder aus dem Laden marschieren. Personal ist zwar vorhanden, es kümmert sich aber nur auf Nachfrage um Erläuterung des Konzepts oder konkrete Hilfestellung. Der Konsument der Zukunft ist tendenziell Autist. Und immer online.

Für eine Handelskette, die unter dem Druck des Internet-Shoppings leidet, ist es ein Experiment. Bis Sommer soll entschieden werden, ob man weitere "Saturn Express"-Stores installiert. Kurioserweise betreibt auch der große Konkurrent Amazon eine ähnliche Versuchseinrichtung: einen kassenlosen Lebensmittel-Supermarkt in Boston, USA. "Take away" mit State-of-the-Art-Technik - hat da der traditionelle Greißler noch eine Chance? Ich meine: ja. Denn anschreiben lassen wird ein Roboter-Gegenüber eher nicht. Und arbeitslosen Ex-Kassenkräften wird man keine überteuerten Kaffeekapseln oder Design-Flachbildschirme verkaufen können, selbst wenn das Preisniveau dank der Personaleinsparungen noch ein paar Cent nach unten gedrückt wird.

Sehe ich das zu zynisch? Nun: Schon Henry Ford wusste um die Zusammenhänge von Preis, Lohn und Leistbarkeit Bescheid. Steuern wir auf eine Zukunft zu, in der Fabriken ohne menschliches Zutun Massenprodukte herstellen, die uns von Maschinen mit künstlicher Intelligenz verkauft werden, nachdem man sie uns zuvor mittels Big-Data-Marketing erst schmackhaft gemacht hat? Ist der Fetisch "Arbeit" - der in unserem Gesellschaftssystem ideologisch allzu gern mit dem Wort "Leistung" verknüpft wird - endgültig obsolet geworden? Und könnte "On Demand"-Produktion und -Zuteilung in einem dystopischen System auch bedeuten, dass die kassenlose Gesellschaft eher keine klassenlose Gesellschaft ist, ganz im Gegenteil? Das "Social Credit"-System, das in China gerade eingeführt wird - Sie haben davon sicher schon gelesen, auch hier - deutet ja klar in diese Richtung: Die Guten profitieren, die Bösen werden bestraft. Wer zu welcher Fraktion gehört, entscheidet der Große Bruder.

Das mag jetzt ein wenig weit hergeholt klingen. Aber bis auf weiteres werde ich die Supermärkte ansteuern, die noch Kassen besitzen. An denen Menschen aus Fleisch und Blut sitzen. Und denen gelegentlich - ohne Vorahnung - ein Lächeln entweicht.