Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Wer beim ORF arbeitet, darf - laut einer jüngsten Verlautbarung der Generaldirektion - seine Meinung auch privat nicht mehr äußern. Das betrifft auch Likes, Dislikes, Kommentare, Sharen, Tweets, Retweets und vor die Haustür kacken.

Aber keine Angst, diese Anordnung betrifft lediglich das Verhältnis von ORF-Redakteuren zu politischen Institutionen, deren Vertreter und Mitglieder. Das heißt, einen Tweet wie "In der Regierung sitzen lauter Volldillos mit Profilneurose, die es ohne ihre Haberer und Seilschaften nicht mal zum Nachtportier vom Leichenschauhaus geschafft hätten" darf man als ORF-Angestellter nicht mehr teilen, liken oder kommentieren. Ein Facebook-Posting dagegen, das behauptet, dass die Pyramiden von Gizeh von Außerirdischen gebaut wurden, Flugzeuge im fliegenden Betrieb Soda-Himbeer in die Atmosphäre spucken und hinter all dem die von den Juden geplante Islamisierung des Erdbeerlands steht, kann bedenkenlos geteilt werden. Das ist ja auch völlig unpolitisch.

Um das Ansehen des ORF und seiner Redakteure in der Öffentlichkeit zu heben, werden aber schon weitere Maßnahmen angedacht.

So sollen bald alle Redakteure den selben Haarschnitt tragen: den von Armin Assinger. Auch die Frauen. Eine neue Kleiderordnung samt Einführung der verpflichtenden ORF-Uniform soll "die Individualität stärken". Und tatsächlich, der sehr schicke schwarz-blau gestreifte Anzug, der einfache Gemüter an einen Pyjama erinnert, steht allen Mitarbeitern auf ganz unterschiedliche, unvergleichliche Art. Nur ein Redakteur twittert, ihn erinnere das Gewand "an die Kleidung eines Strafgefangenen". Leider muss sein Dienstverhältnis anschließend wegen unüberbrückbarer inhaltlicher Differenzen aufgelöst werden.

Auch die Tischmanieren der Angestellten in der Kantine werden von der ORF-Drohne überprüft. Und damit auch zuhause kein böses Wort fällt, regelmäßig die Fenster geputzt werden und die Hände stets über der Bettdecke bleiben, erhält jeder Redakteur für sein trautes Heim den internetbasierten, intelligenten persönlichen Assistenten "Alex", der ihn auf seinem Weg zur "patriotischen Tugendhaftigkeit" (Zitat aus der neuen Dienstvereinbarung) begleiten soll.

Um das interne Gemeinschaftsgefühl zu stärken, wird auch bald die neue ORF-Hymne eingeführt, die alle Mitarbeiter beim täglichen Dienstantritt um 6 Uhr Früh mitschmettert müssen: "O-o-o-o-o-ORF!/ Du bist unser aller Chef!/ORF wir dienen Dir/Ohne Dich ein nichts sind wir." Dass dieses musikalische Großod aus der Feder von Andreas "the Holzscheitelknierer" Gabalier, der jetzt endlich verdientermaßen seine tägliche, völlig unpolitische große Abendshow bekommt, auch von den Mitarbeitern korrekt intoniert und abgesungen wird, kann selbstverständlich nicht unkontrolliert bleiben. Und wer könnte diese Aufgabe besser übernehmen als Norbert "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" Steger in seiner Funktion als Kopfstimme des Stiftungsrats?

Und dann - aber nur dann - kann man sich endlich einigermaßen sicher sein, dass die ORF-Mitarbeiter die "Objektivität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit" des Unternehmens nicht mehr "konterkarieren".