Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Eine glaubhafte Verschwörungstheorie ist für den Humoristen eine große Herausforderung. Das liegt an ihrer Struktur. Denn sie ist meist genauso aufgebaut wie eine gelungene Satire. Man nehme: erstens Menschen in der Öffentlichkeit, die im persönlichen Sympathie-Ranking nahe dem Gefrierpunkt liegen (je nach Geschmack und Überzeugung: Kanzler, Musterlehrling oder Heinz Marecek), zweitens einen beklagbaren bis unappetitlichen gesellschaftlichen Umstand (Schwermetalle im Dieselabgas, Korruption im Spital, Analphabetismus im Parlament) und drittens eine undurchsichtige Quelle (das zweite Buch des Aristoteles, das 13. Buch Mose, die Protokolle der Waisen von Lunz, die verschwundenen Akten der BVT-Hausdurchsuchung), die gerade aufgrund ihrer Unsicherheit besonders wertvoll erscheint, da sie angeblich "feindliche" Kräfte unter Verschluss halten/
zerstören/gewinnbringend verkaufen oder in Songtexte für DJ Ötzi verwandeln wollen.

Der Unterschied zwischen Satire und Verschwörungstheorie liegt am Ende nur in deren Anspruch und Rezeption. So glaubt die Satire natürlich nicht an das, was sie vorgibt zu sagen, sondern will den Konsumenten nur erheitern. Die Verschwörungstheorie dagegen ist fest von ihrem Inhalt überzeugt und will ihren Rezipienten in höchstem Maß erregen. Empören. Hochjazzen. Er soll da sitzen und schreien: "Das gibt’s doch nicht!" Nur leider nimmt er diesen Moment der Wahrheit wegen seiner Empörung nicht ernst. Denn natürlich gibt es das, was die Verschwörungstheorie behauptet, wirklich nicht. Letztlich sind Verschwörungstheorien also so was wie Satire für Menschen ohne Humor.

Ein Beispiel: In den USA gibt es das Gerücht, Barack Obama, die Clintons und Tom Hanks (also Menschen, die viele nicht sehr mögen - siehe erstens) würden einen Kinderpornoring (zweitens) betreiben, denn das behaupte ein anonymer, hochrangiger Regierungsmitarbeiter namens QAnon, der leider, leider seine wahre Identität aus Eigenschutz nicht enthüllen könne (drittens). Diese Geschichte wäre vor zehn Jahren noch eine bitterböse Pointe in einem Comedy-Programm gewesen. Die Leute hätten gelacht. Jetzt glauben Menschen in den USA daran.

Aber ist es hierzulande besser? Was wäre, würde Ihr Glossenhauer jetzt behaupten, Michael Jeannée, Matteo Salvini und Alexander Gauland (erstens) wären Mitglieder eines geheimen Müllkartells, das mit Hilfe der Cosa Nostra jede Menge toxisches Material wie Plastikabfall, AKW-Brennstäbe oder Anzeigenabrechnungen von "Krone" und "Österreich" (zweitens) regelmäßig zwischen Sizilien und Malta im Meer versenkte; das hätte nämlich ein ebendort aus dem Mittelmeer geretteter Flüchtling berichtet, der aber aufgrund seines schwebenden Asylverfahrens leider ungenannt bleiben müsste (drittens).

Oder lieber anders? Christian Kern und Wolfgang Ambros (erstens) schreiben gemeinsam ein Musical über den Song-Contest-Erfolg von Conchita Wurst (zweitens), wie ein in die Vereinigte Bühnen Wien eingeschleuster Spion des russischen Bolschoi-Ballets (drittens) glaubhaft versichert.

Na? Was ist besser? Lachen oder ärgern? So oder so steht eines fest: Das ist nur die halbe Wahrheit.