Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Man dachte ja, das geht irgendwann vorüber und man würde dann herzlich über den Stilbruch lachen, den man begangen hat, so wie bei den Frisuren von früher, auf alten Dokumenten, Vokuhila und so. Aber das Gegenteil geschieht, immer mehr Leute und durchaus nicht nur solche, die sich keine neuen Hosen leisten können, laufen mit Löchern herum - und das nicht nur in den Hosen.

Vor Jahren schon dachte ich also, das geht vorüber, als an dieser Stelle von einer meiner alten Blue Jeans die Rede war, und zwar eine mit Echtlöchern, ehrlich in jahrelangem Tragen entstanden. Wie es dann so ist, bei uns eher spießigen Bürgern, die keine Löcher in der Hose haben wollen, wurde sie entsorgt.

Aber man hätte gewarnt sein können. Denn die Mode ist gar nicht so neu. Schon 1970 schrieb Tom Wolfe in seinem Essay über "Radical Chic" über einen "von jenen herrlich ehrwürdigen Italienern, in schwarzem, gediegenen Kammgarnanzug mit steifem Kragen, dessen schadhafte Faltstellen mit echter, feiner Stickerei ausgebessert waren, einer von jenen alten Europäern, die in Jahrhunderten wahrer Kultur getränkt, ausgereift und mariniert waren, in einem Land, das die Kunst zu leben und die Kunst zu fühlen bewahrt hatte und wo man sich nicht schämte, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen".

Als ich diese Textstelle jetzt im neuen Licht der durchlöcherten Hosen nochmals las, erinnerte ich mich auch an eine Werbung für Lodenjanker 1986 im damaligen "Diners Club Magazin", mit einem sehr alten Herrn auf einem wackeligen Stuhl vor einer italienischen Kulisse, mit zerschlissener Hose und zerfledderten Espadrilles. Aber sehr cool. Das Motiv wird noch einmal, Jahrzehnte später, in einer Fotografie von Scott Schuman im Internet-Blog "The Sartorialist" reinszeniert. Es zeigt Carlo Montanaro, den ehemaligen Chefredakteur des "Style Magazine" des "Corriere della Sera" und heutigen Herausgeber des "Lifestyle Journal" der Milano Fashion Library. In einem Anzug seines Vaters, an den Ärmeln und auch sonst leicht verschlissen, aber irgendwie von unzerstörbarer Eleganz.

Auch Montanaro zeigte sich so, als es noch nicht an der Tagesordnung war, fabrikmäßig künstlich zerschlissene Modeartikel vorzuführen oder die schreiend-bunte Übertreibung zu pflegen, wie sie etwa im Umfeld der jährlichen Messe Pitti Uomo in Florenz im Overacting zur Karikatur degeneriert: sogenannte "Go to hell"-Farben, die Hosen auf "Hochwasser" aufgekrempelt, damit auch sichtbar wird, dass man zu bunten Tassel-Loafers keine (oder auch nicht weniger schrillfarbene) Socken trägt. Und dann diese sorgfältigst arrangierte Kaputtheit einiger Accessoires!

Echte Löcher hingegen haben offensichtlich immer Konjunktur, weil sie eine Geschichte erzählen - es sind biografische Löcher. Dass die oben erwähnten Jeans heute das Dreifache wert wären und dass sich überhaupt mit "Echtloch-Mode" ein neues Geschäftsfeld eröffnet, sehe ich nun erst - zu spät. Alles entsorgt! Wie spießig!