Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Letztens habe ich an dieser Stelle den Namen einer Speise erwähnt: Surf & Turf. Ein Freund hat gemeint, ich hätte erklären sollen, was darunter zu verstehen ist, denn das Gericht ist ja nicht Teil unseres kulinarischen Kanons. Das tu ich hiermit: Surf & Turf ist ein Steak mit einer Garnele obendrauf, ein Luxusgericht also.

Natürlich hat das Wort Turf noch eine weitere Bedeutung, nämlich Pferderennbahn. Gemeint ist eigentlich der Rasen, die Verwandtschaft zwischen Turf und Torf ist evident. Vor wenigen Tagen habe ich eine weitere Verwendungsmöglichkeit kennengelernt, und zwar als Verb. Das kam so: Wir saßen zu Beginn einer Tarockpartie speisend und plaudernd beisammen, und zwei von uns, Anna und Michael, beredeten die Probleme unseres Gesundheitswesens. Anna arbeitet in einem Pflegeheim, wo alten Menschen, die keine Aussicht auf Genesung haben, versorgt werden. Michael in einer Einrichtung der Caritas - diese kümmert sich um EU-Bürger, die nach Wien gekommen sind, weil sie meinten, dass hier Milch und Honig fließen; jetzt sind sie Obdachlose, deren Rückführung in ihre EU-Heimat meist scheitert. Man gibt ihnen zu essen und sorgt für ihre Unterkunft - die EU ist doch mehr als eine Wirtschaftsgemeinschaft. Wenn einer dieser Gestrandeten krank wird, bringt ihn die Rettung ins Spital. Aber dort will man ihn schnellstens loswerden und schickt ihn zurück. "Dadurch haben wir immer mehr Fälle, die eine medizinische Betreuung bräuchten", sagt Michael, "aber dazu sind wir nicht in der Lage."

Anna kennt ein ähnliches Problem. "Die Spitäler entlassen aus Kostengründen einen Patienten. Dieser kann sich zuhause nicht selbst versorgen, er wird postwendend in ein Pflegeheim geturft." Ich wurde hellhörig. "Was hast du gesagt?" - "Kennst du das Wort nicht?" Ich ließ es mir erklären. Später, nachdem ich müde vom Tarockspiel daheim angekommen war, gab ich noch schnell "turfen" in eine Suchmaschine ein. Es handelt sich wohl um eine Entlehnung aus dem Englischen. Die dortige Bedeutung wird so erklärt: "Verb in medical jargon meaning to send a patient to be someone else’s responsibility because the patient is a pain to deal with, or because he is not going to get better." Mit anderen Worten: Patienten werden geturft, weil sie unleidlich sind oder keine Aussicht auf Genesung haben.

Auf der Website praktischarzt.de fand ich einen deutschsprachigen Beleg und ein weiteres Beispiel. Die Bloggerin beschrieb einen "Turf in ein anderes Krankenhaus", und zwar bei einem Patienten, der schlechte Voraussetzungen für eine OP hat, weil es fraglich ist, ob er die Narkose überlebt. Er wird mit einem netten E-Mail weitergeleitet, in dem steht: "Unsere Anästhesie ist zu feige, das zu machen - schaut ihn euch doch einmal an!"

Das neue Wort entstand wohl deshalb, weil es zur Beschreibung eines häufigen Phänomens notwendig war. Das Internetlexikon "Etymonline" gibt Auskunft über eine relevante ursprüngliche Bedeutung: Turf ist jenes Gebiet, das von einer Gang kontrolliert wird. Erster Beleg: 1953, Brooklyn, New York. Vergleiche zwischen der "West
Side Story" und unserem Gesundheitswesen wären dennoch unzutreffend.