Norah Jones. Christina Aguilera. Ella Fitzgerald. Olivia Newton-John. Avril Lavigne. Dolly Parton. Katie Melua. Dianne Reeves. Bette Midler. Natalie Cole. Judith Holofernes. Was haben alle diese Sängerinnen gemeinsam? Sie alle haben das Weihnachtslied "Baby, It’s Cold Outside" einmal eingespielt. Geht es nach der Popsong-Moralpolizei, dann sind diese Frauen alle unsolidarische Patriarchatsverherrlicherinnen. Denn dieses Lied ist in Misskredit geraten. Nachdem der Holidayklassiker aus dem Jahr 1944 durch die MeToo-Bewegung eine zeitgeistige Umdeutung erfahren hat - der Song erzähle von einem Date-Rape -, haben heuer Radiosender in den USA das Lied aus dem Programm genommen. Nach geharnischten Beschwerden von Hörern, die diese Interpretation nicht teilen, hat nun ein Sender diesen Bann wieder aufgehoben.

Die Empörung über das Lied entzündet sich tatsächlich an einer einzigen Stelle, jener, in der die Frau fragt, was in dem Drink ist, den ihr der Mann, der sie nicht gehen lassen will, kredenzt. Wie üblich wird bei solchen Aufregungen weder genau hingehört, noch wird der Entstehungszeitraum und seine gesellschaftlichen Gegebenheiten nur ansatzweise mitgedacht. Denn der Rest des Songs bildet mit seinem Ja-Nein-Vielleicht-Pingpong das Flirtverhalten der 40er, 50er ab - das eher weniger von K.o.-Tropfen und eher mehr von Puritanismus geprägt war. Dass man mit einem Verbot dieses Liedes genau Letzteren wieder befeuert, nur aus neuen Gründen, scheint die Kritiker nicht zu stören.