Auch eine Woche nach der Enthüllung gehen die Schockwellen durch die Branche: Wie war es möglich, dass Claas Relotius über Jahre mehr oder minder erfundene Reportagen im Prestigemagazin "Der Spiegel" platzieren konnte? Die Causa ist so hässlich wie das Ursachenbündel banal: Relotius verdichtete die Welt zu Bildern, die sich passgenau in den Vorurteilskosmos der deutschen Leser fügten; er lieferte Knüller, dass Kollegen nur so die Ohren schlackerten, und: Man vertraute ihm.

Nun ist Glaubwürdigkeit eine Grundvoraussetzung für jede Wissensweitergabe. Nicht alles, was mir mein Gegenüber sagt, kann ich überprüfen. Andererseits: Wer enormes Vertrauen genießt, kann Schindluder treiben, umso mehr, wenn er zugleich die Sensationslust bedient.

Wie das geht, hat Helmut Qualtinger einmal harmlos vorgelebt. 1951 kündigte er Wiens Presse die Anreise eines fiktiven Grönländers namens Kobuk an, Autor von Romanen wie "Brennende Arktis". Mit Erfolg: Kobuk, schrieb die genarrte "Arbeiter-Zeitung", trüge sich mit dem Plan, "die Wiener Eisrevue zu einer Grönlandtournee zu bringen". Ein Satz, der nur so nach Scherzmeldung roch. Aber: Qualtinger hatte für Kobuk eine Pressemeldung auf dem Papier des renommierten PEN-Clubs gefälscht, und das wischte die Zweifel weg. Die Lektion von der Geschicht’? Irren ist menschlich; Qualitätsmedien aber täten gut daran, im Falle solcher Storys auf die innere Alarmglocke zu hören. Damit sie sich noch morgen gegen den Fake-News-Dschungel im Internet behaupten können.