Judith Belfkih, stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".
Judith Belfkih, stellvertretende Chefredakteurin der "Wiener Zeitung".

"Zu Silvester feiert die ganze Welt, dass sich das Datum ändert. Ich hoffe, irgendwann feiern wir das Datum, an dem sich die Welt geändert hat." Dieser alljährlich diverse Soziale Medien überschwemmende Satz hat es auch ins Jahr 2019 geschafft. In der Kategorie "Sätze zum Nachdenken" schwirrt er rund um den Jahreswechsel durch wahrscheinlich annähernd jede Timeline. Was uns die gewitzten Menschen, die diesen Spruch teilen, damit sagen wollen? Sie wollen uns die fröhliche Aufbruchsstimmung vermiesen. Gut, die Welt mag aktuell nicht allzu viele Anlässe liefern, an Veränderung - noch dazu zum Besseren - zu glauben oder zumindest zu hoffen. Und doch: Ohne den Zauber, der jedem Anfang innewohnt, wird sich gar nichts ändern. Darin wurzelt jeder noch so kurzlebige Vorsatz für das neue Jahr: Er symbolisiert den prinzipiellen Glauben daran, dass Entwicklung, dass Veränderung an sich möglich ist.

Freilich: Der Spruch zeigt auf, dass es mitunter ein rasch welkendes Feigenblatt ist, das wir unserer Scham Jahr für Jahr vorbinden. Etwa der Scham darüber, dass es uns wieder nicht gelungen ist, die eigene Komfortzone zu verlassen und einen konsequenten Beitrag dafür zu leisten, dass die Welt klüger, gerechter, sicherer, friedlicher, sauberer oder stabiler wird.

Umsonst sind diese Feigenblätter aber dennoch nicht. Fallen genug von ihnen zu Boden, so kompostiert sich daraus vielleicht der nährhafte Humus, aus dem dann wirklich Neues, ja sogar Besseres entstehen kann.