Zuerst musste ein halbes Jahrhundert Skisprunggeschichte vergehen, um den Mythos des Unmöglichen zu durchbrechen - und dann schaffen gleich zwei Springer hintereinander den Grand Slam bei der Vierschanzentournee: Nach Sven Hannawald anno 2002 und Kamil Stoch im Vorjahr darf sich nun auch Ryoyu Kobayashi mit dem Kunststück rühmen, alle vier Springen einer Tournee gewonnen zu haben. Ein Kunststück, das allerdings gar kein so herausragendes mehr ist. Denn ein Hauptgrund, weshalb der Schanzen-Slam nun öfter passiert, liegt in der Konformität der vier Anlagen. Waren diese in der Prä-V-Stil-Ära noch unterschiedlich konstruiert, so sind sie heute vor allem punkto Schanzentisch kaum noch zu unterscheiden. Besonders herausfordernd war einst, binnen zwei Tagen mit dem kurzen, steilen Tisch der Bergiselschanze und dem extrem flachen und langen Schanzentisch der Paul-Außerleitner-Schanze in Bischofshofen zurechtzukommen. Mittlerweile sind beide Schanzen praktisch ident - und bei allen vier variieren die Tische nur noch um 0,5 Grad Neigung und 0,4 Meter Länge. Hinzu kommt, dass seit 2009 mit den Wind- und Gate-Punkten die einst schicksalshaften Freiluftfaktoren weitgehend ausgeschaltet wurden. Dass seit Hannawald drei Athleten alle vier und vier Athleten drei Konkurrenzen gewinnen konnten, ist also kein Zufall. Kommt ein Springer in herausragender Form nach Oberstdorf und entwickelt dann auf der Tournee einen Flow, ist ein Triumphflug bis Bischofshofen möglich. Kobayashi war sicher nicht der Letzte.