Der Platz in der Marienkirche in Danzig reichte bei weitem nicht aus. Deshalb ließen die Behörden in der Stadt Leinwände aufstellen. Um mehr Bewohnern die Möglichkeit zu geben, die Trauerfeierlichkeiten für den ermordeten Bürgermeister zu verfolgen. Pawel Adamowicz starb am Montag, für Samstag war sein Begräbnis angesetzt. Schon am Freitag hatten zehntausende Menschen Abschied genommen, nachdem der Sarg aufgebahrt worden war.

Obwohl diese Tat einen Politiker getroffen hat, sollte sie nicht politisch instrumentalisiert werden, hieß es in den vergangenen Tagen aus den meisten Parteien. Parallel dazu verdichten sich die Hinweise, dass der Angreifer, ein 27-jähriger Mann, der wegen mehrerer Banküberfälle im Gefängnis gewesen war, psychisch krank ist. Nachdem er auf Adamowicz bei einer Benefizveranstaltung auf offener Bühne eingestochen hatte, beschuldigte er die einstige Regierungspartei PO (Bürgerplattform), ihn in Haft gefoltert zu haben. Der Danziger Bürgermeister war bis vor wenigen Jahren Mitglied dieser gemäßigt konservativen Gruppierung, die nun die größte oppositionelle Fraktion im polnischen Parlament bildet.

Doch auch wenn so gut wie alle Politiker zunächst einmal von direkten Schuldzuweisungen an die jeweils andere Seite absahen, war eine politische Debatte bereits ausgelöst. Sie dreht sich um Hassreden und eine politische Atmosphäre, in der scharfe Aussagen zu harschen Reaktionen führen und in der Beleidigungen keine verpönte Ausnahme mehr bilden.

Es geht nicht nur darum, dass in Online-Foren und sozialen Medien die Hemmschwellen sinken. Da wird Andersdenkenden eine Vergewaltigung, die Pest oder Tod durch Erhängen an den Hals gewünscht. Oder es wird der Kurznachrichtendienst Twitter dafür genutzt, geopolitische Turbulenzen auszulösen, wie es US-Präsident Donald Trump in regelmäßigen Abständen macht.

Es geht daher auch um diese andere Dimension: dass Politiker Aussagen - und Verhaltensweisen - salonfähig machen, die davor in einer breiteren Öffentlichkeit nicht denkbar waren. In Polen beispielsweise haben Spitzenvertreter der Regierungspartei schon davon gesprochen, dass Flüchtlinge Krankheiten ins Land einschleppen könnten oder dass es Bürger einer "schlechteren Sorte" gebe. Diesen Ausdruck hat der Vorsitzende der nationalkonservativen Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit), Jaroslaw Kaczynski, geprägt und damit nicht zuletzt Demonstranten gemeint, die ihren Unmut über einige Reformvorhaben der Regierung geäußert haben. Bei einigen PiS-Politikern werden Andersdenkende überhaupt schnell zu Volksverrätern.

Worte aber beeinflussen das Denken und Verhalten, individuell wie gesellschaftlich. Wenn Spitzenpolitiker Migranten - und Sozialhilfeempfänger - pauschal als Schmarotzer darstellen, was in so manchem EU-Land passieren kann, und oppositionelle Kritiker diskreditieren, dann sickert das auch in den Alltagsgebrauch ein. Die Verrohung der Sprache, ob in den sozialen Netzwerken oder auf dem Podium bei Politikerauftritten, spiegelt sich auf der Straße wider. Akzeptiert muss es trotzdem nicht werden.