Vom Sundance Film Festival ist man eher andere Kost gewöhnt. Das ist oft die Quelle überraschender Independent-Filmerfolge. Diesmal hat man sich für einen g’schmackigen Programmpunkt namens "Leaving Neverland" entschieden. Das ist ein Dokumentarfilm, der von zwei Männern handelt, die den verblichenen Popstar Michael Jackson beschuldigen, sie als junge Burschen sexuell missbraucht zu haben.

Ein Deja-vu-Erlebnis: Bekanntlich musste Michael Jackson wegen solcher Vorwürfe Anfang der 2000er vor Gericht, wurde aber freigesprochen. Unter anderem übrigens wegen der Aussage eines dieser Männer, damals ein Kind, der beteuert hat, dass Michael Jackson ihm niemals unsittlich zu nahe getreten war. Auf der anderen Seite gibt es den Fall jenes Buben, mit dem Jackson eine millionenschwere außergerichtliche Einigung getroffen hat - für manche ein Indiz für erkauftes Schweigen. Die angekündigte Doku hat nicht nur bei den Nachlassverwaltern Jacksons für Empörung gesorgt ("eine reißerische Produktion", die bereits entkräftete Vorwürfe wiederhole), sondern auch bei Fans - die Vorstellung wird nun am Wochenende unter Polizeischutz stattfinden.

Es wäre eine Frage des Anstands, mit der Verteufelung zumindest zu warten, bis man den Inhalt der Doku und dessen Glaubwürdigkeit tatsächlich kennt. Dann wäre immer noch Zeit genug, zu bewerten, ob da
jemand auf Kosten eines Toten auf der "MeToo"-Welle zu mehr Aufmerksamkeit surft.