Anil Bajrang Mane ist seit seiner Kindheit dem Golfsport verschrieben. Schon früh begann er, den Bombay Presidency Golf Club zu frequentieren, einen der ältesten und prestigereichsten Clubs Indiens. Dabei stammt er gar nicht aus einer der reichen Familien oder aus einer tollen Kaste. Das ist normalerweise nötig. Denn einerseits fallen die Kosten für eine Aufnahme in die Kategorie "Preis auf Anfrage". Andererseits herrscht meistens Aufnahmestopp und nur wenigen handverlesenen Antragstellern gelingt es, die begehrte Mitgliedschaft zu ergattern. Allerdings besuchte Mane den Club auch nicht als Mitglied, sondern als Caddie, sprich: als Ausrüstungs- und Fahnenhalter.

Mane lebte in einem Slum in Bombay, das heute Mumbai heißt. Als er 14 Jahre alt war, ging es seiner Mutter gesundheitlich schlecht und sein Vater war ebenfalls außer Gefecht. Dieser hatte schwere Verbrennungen nachdem in der maneschen Küche der Kerosinofen explodiert war. Anil musste die Schule aufgeben und arbeiten. Da lag es buchstäblich nahe, es auf der anderen Seite gegenüber des Slums zu versuchen, wo sich hinter meterhohen Mauern auf 40 Hektar eine saftige, grüne Oase erstreckt.

Irgendwann ließ ihn ein Club-Mitglied einmal einen Schlag machen. Mane entpuppte sich als Naturtalent. Er traf den Ball auf Anhieb gut und schoss ihn über 100 Meter weit. In diesem Moment habe er gewusst, dass Golf seine Chance auf ein besseres Leben sei, sagte er der britischen Zeitung "The Guardian". Das war allerdings nicht so einfach. Denn den Caddies war es verboten, auf dem Golfplatz Bälle zu schlagen. Davon ließ sich Mane nicht aufhalten. Er begann kurzerhand in den Straßen seines Viertels Golf zu spielen. "Slum Golf" nannten er und seine Freunde die Disziplin, die alsbald auf breiteres Interesse stieß. Daneben übte er Tag für Tag stundenlang auf dem Übungsgelände des Clubs, wie er dem amerikanischen Sender "ESPN" erzählte. Den Mitgliedern fiel schon bald sein wunderbarer Schwung auf. Anil Mane avancierte zu einem begehrten Caddie, den die Spieler um Rat baten. Der Golflehrer des Clubs war beeindruckt und nahm Mane unter seine Fittiche.

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Dann kam der Durchbruch: Bei einem Turnier gewann er gegen den besten Amateur Indiens. Alle waren begeistert: Die Bewohner seines Slums trugen ihn durch die Straßen und die Mitglieder des Clubs begannen ihn zu sponsern. Mane erhielt alles von Ausrüstung bis hin zu Geld, mit dem er an weiteren Turnieren teilnehmen konnte. Schließlich avancierte er zum professionellen Golfer.

Heute ist Mane der Golflehrer des Bombay Presidency Golf Clubs. Trotzdem spielt er nach wie vor "Slum Golf" - "einfach nur zum Spaß" wie er sagt. Wohl nicht zuletzt dank seiner Geschichte dürfen Caddies mittlerweile montags - wenn der Club für Mitglieder geschlossen ist - selbst Golf spielen. Und nicht wenige träumen davon, eines Tages so wie Mane professionelle Golfer zu werden.