Das deutsche Feuilleton ist in Aufregung: Daniel Barenboim, Dirigent, Pianist, Orchestergründer, Chefdirigent der Staatskapelle Berlin auf Lebenszeit, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin auf Lebenszeit, kurz: Weltmusikimpresario, soll Musiker gezielt gedemütigt haben, auch von Wutanfällen und Beleidigungen ist die Rede.

Losgetreten hat die Lawine das Online-Magazin "VAN". Der Mechanismus ist altbekannt: Erst anonyme Behauptungen, dann einige namentliche Bestätigungen, darauf folgt das Herunterspielen des Beschuldigten, es handle sich um begründete Einzelfälle. Dass Barenboim ein bedeutender Interpret ist, bezweifelt keiner dieser Artikel. Ab und zu wird angedeutet, es könnte sich um eine kulturpolitische Auseinandersetzung handeln: Entweder wolle man Barenboim ganz wegbekommen aus Berlin oder zumindest in seiner Machtfülle beschneiden.

Der Dirigent als Diktator vom Zuschnitt eines Caligula ist ein hinlänglich bekanntes Phänomen. Fast scheint es, als müsse man sich entscheiden zwischen Diktatoren mit Spitzenergebnissen und faden Demokraten. Die meiste Kunst, die wir heute als außerordentlich verehren, war wenig demokratisch. Auf Dirigenten bezogen: Man schwärmt von Toscanini, Karajan, Bernstein und Mrawinski, nicht von Moralt und de Sabata. Andererseits: Die Tage des Geniekults sind vorüber. Vielleicht ist freilich genau das der Grund, weshalb man die Dirigentengenies der Gegenwart mühelos an den Fingern einer Hand abzählen kann.