Schockiert war ich im vergangenen Jahrzehnt, als das Ausmaß der Missbrauchsfälle zu Tage kam. Diese Brutalität und dazu die Falschheit des Vertuschens sind fürchterlich. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie in so perverser Weise Kinder und Jugendliche missbraucht wurden. Dass so etwas jahrelang in kirchlichen Einrichtungen möglich war, ging über meine Vorstellungskraft. In den zwei Jahren, als ich in Wien bei P. Georg Sporschill SJ in Obdachlosenheimen wohnte und arbeitete, habe ich viele Gefängnisbesuche gemacht; Einbrecher, Mörder, auch Vergewaltiger und Kinderschänder besucht. Nach deren Entlassung war ich an der Resozialisierung vieler beteiligt. Die kriminelle Welt ist mir also sehr vertraut.

Ich vergesse nie den Leitspruch eines ehemaligen Gefangenen: "Alles ist vergänglich, auch lebenslänglich." Er hat tatsächlich die lebenslängliche Gefängnisstrafe (insgesamt dann 21 Jahre) abgesessen, weil er seine Frau erschlagen hat. Nach vielen Jahren auf der Straße hat er dann ein ganz würdiges Leben im Obdachlosenheim gefunden. Ich habe ihn sogar zu meiner Priesterweihe und Primiz mit in meine Heimat genommen. Dennoch, dass dieses Ausmaß krimineller und krankhafter Energie so lange innerhalb der Kirche existierte, ist nicht entschuldbar und sehr schwer erklärbar.

Verständlich der große Verlust an Vertrauen. Verständlich die Abwehrreaktion vieler Menschen. Das habe ich im Jahr 2010, als die österreichischen Missbrauchsfälle in den katholischen Heimen aufkamen, bei jedem Besuch in unserem Pfarrkindergarten gespürt. "Bist du auch einer, der für unsere Kinder gefährlich ist; der etwas vertuscht, der missbraucht, wenn keiner hinschaut?" - so meinte ich die Gedanken mancher Eltern zu hören.

Die Kirche steht an einer Zeitenwende. Es kommt mir vor wie im Jahr 1918, als die Monarchien in Europa zusammenbrachen. Die Staatsform der Demokratie, der Mitsprache, des Frauenwahlrechtes, der Transparenz, der Meinungsfreiheit war umstritten. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass dies funktioniert; und es hat auch lange gedauert, bis sich das neue Denken in der Gesellschaft etabliert hat. Mehr oder weniger hat das noch einmal fünfzig Jahre gedauert.

Dieser Umbruch steht in der Kirche an. All das, was im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) schon gedanklich neu formuliert wurde, beginnt sich jetzt auf die Strukturen auszuwirken. Dabei denke ich auch an ein Wort des Propheten Jesaja: "Seht hin; ich mache etwas Neues; schon keimt es auf. Seht ihr es nicht? Ich bahne einen Weg durch die Wüste und lasse Flüsse in der Einöde entstehen." Und dann heißt es weiter: "Deine Priester und Propheten sind mir untreu geworden. Deshalb habe ich eure geistlichen Führer ihres priesterlichen Amtes enthoben, Jakob der Vernichtung ausgeliefert und Israel dem Spott" (Jesaja 43, 19.28).

Unser Auftrag ist klar: persönliche Umkehr und Verkündigung des Evangeliums Jesu. Das Glaubensbekenntnis hat sich bewährt. Beides gilt es besser zu verstehen, umzusetzen, sich einzuverleiben. Dazu braucht es die Gemeinschaft. Weil Gottes Geist wirkt, glauben wir an die gute Veränderung: "Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist" (Johannes 3,8).

Es ist meine feste Überzeugung, dass wir gut unterwegs sind in der Gemeinschaft der Kirche; dass Neues angebrochen ist. Die nächsten Jahre werden dennoch stürmisch werden.

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