Ronald Lemmert wurde 1979 Diözesanpriester in New York. Ein Jahr lang war er einem Pfarrer zugeteilt, der in der Nacht soff und sich untertags ausschlief. Lemmert meldete ihn der Erzdiözese. Der Pfarrer wurde versetzt, doch an seinem Grundproblem wurde nicht gearbeitet. Er trank noch viele Jahre weiter und schreckte die Menschen, zumal Gläubige, um sich herum ab. "Der Prophet Ezechiel erzählt von den schlechten Hirten, die die Herde auf den falschen Weg führen", sagte Lemmert gegenüber dem Online-Magazin "Ozy". "Ich glaube, dass genau das der Kirche passiert ist. Viele sind gegangen, weil sie unglaublich wütend waren." Lemmerts erste Erfahrung sollte lediglich der Auftakt einer geistlichen Karriere sein, die davon geprägt war, das Vertrauen in die Kirche dadurch aufzubauen, dass die begangenen Fehler angesprochen wurden. Ende der 80er Jahre wandte sich Lemmert erneut an die Erzdiözese. Ihm war aufgefallen, dass ein Pfarrer auffällig oft Ministranten zu seinem Haus am See mitnahm. Hinzu kamen mehrtägige Reisen nach Disneyland und sogar Italien. Lemmert schrieb drei Mal anonyme Briefe an die Erzdiözese, doch nichts geschah. Die Kirche war damals noch weit davon entfernt, priesterliches Fehlverhalten öffentlich aufzuarbeiten. 1996 beschuldigten zwei Eltern besagten Pfarrer, ihre Söhne geschändet zu haben. Trotzdem gab es für den Beschuldigten keine Konsequenzen, sehr wohl jedoch für Lemmert. Er wurde als Gefängnisseelsorger in die berüchtigte Strafanstalt Sing Sing versetzt und durfte selbst auf Anfrage der Mitglieder seiner ehemaligen Gemeinde keine Taufen, Hochzeiten oder Begräbnisse mehr durchführen. Der beschuldigte Pfarrer hingegen konnte ungebrochen seiner Tätigkeit nachgehen. Erst 2002, als ein Missbrauchsskandal die USA erschütterte, wurde er suspendiert und schließlich, 2005, von Papst Benedikt laisiert. Frevel wie Kinderschändung sind Lemmert natürlich zuwider ("kranke Typen"), aber vor allem das Verschweigen stört ihn ("teuflisch"). Denn eigentlich sind sich Experten (gestützt von Statistiken) einig, dass Kinderschändung unter Priestern nicht höher (eher niedriger) verbreitet ist als in der Durchschnittsbevölkerung oder unter Menschen in der Kinderbetreuung. Davon zeugen nicht nur Vorfälle wie am städtischen Kinderheim Wilhelminenberg in Wien, sondern auch unabhängige Berichte. Umso mehr ist es im Interesse der Kirche, durch Aufarbeitung Vertrauen zu schaffen. Papst Franziskus, der mit dem Missbrauchsgipfel im Vatikan einen großen Schritt machte, erklärte: "Die Unmenschlichkeit dieses Phänomens auf weltweiter Ebene wird in der Kirche noch schwerwiegender und skandalöser, weil es im Gegensatz zu ihrer moralischen Autorität und ihrer ethischen Glaubwürdigkeit steht."