Wenn die Sprache der Politik von der abstrakten auf die persönliche Ebene steigt, dann sieht das so aus: Ein Regierungsbündnis wird zur Zweckehe - falls es nicht gar zur Liebesheirat stilisiert. Was allerdings nicht oft vorkommt: Pragmatismus hat dann doch Vorrang vor Gefühlen. Bevor die Koalitionspartner zueinander finden, gehen Sondierungsgespräche über die Bühne, die als Flirtphase oder gegenseitiges Beschnuppern bezeichnet werden können. Dann die Verbindung und Ruhe vor dem Sturm. Und was später kommt, ist in vielen Fällen das: zunächst ein paar Differenzen, dann ein handfester Krach, eine Zerrüttung des Verhältnisses, der die Trennung folgt.

In allen möglichen Variationen und beinahe schon exzessiv wird dies beim Thema des geplanten EU-Austritts Großbritanniens betrieben. Dem Brexit könnten nämlich etliche Attribute eines Rosenkriegs zugeschrieben werden. Da ist die Schlammschlacht der Worte: Auf der Insel werden dem Partner, von dem sich die Briten trennen wollen, Dominanz, zahllose Kränkungen, ja, fast schon psychische Grausamkeit vorgeworfen. Dass vor dem Brexit-Referendum auch noch die eine und andere Lüge verbreitet wurde, sei nur am Rande erwähnt.

Und was bleibt den Kontinentaleuropäern übrig? Sie mussten einsehen, dass die Briten die Verbindung beenden möchten. Das löste keine Begeisterung aus, aber zum Glück zwingen lässt sich halt auch niemand. Also wurde ein Scheidungsvertrag ausgearbeitet, was beide Seiten viele Monate und Nerven gekostet hat. Ein harter Brexit ohne Vereinbarung ist trotzdem noch nicht vom Tisch.

So verfahren die Situation ist, so sehr beschäftigt sie die Beteiligten. Aber es betrifft nicht nur Politiker, Journalisten, in Großbritannien lebende EU-Bürger oder Erasmus-Studenten. Auch an Kaffeehaustischen wird darüber geplauscht.

Da können auch schon einmal politische Begriffe für sehr private Zwecke benutzt werden. So eignete sich das Brexit-Theater vor kurzem vorzüglich zur Beschreibung des intimen Dramas einer Freundin.

Da gab es diesen Mann, der zwar eine enge Bindung zu ihr haben wollte, aber nicht allzu eng. Auf Nachfrage, wie genau das zu bewerkstelligen sei, konnte er nicht antworten. Sie gewährte ihm eine Nachdenkfrist. Als die vorbei war, gab es noch immer keine Klarheit. Er bat aber um eine Fristverlängerung. Die wurde ihm gegeben. Der Termin verstrich . . .

Die Parallele zum Brexit ist evident: Die Briten wollen weg, aber nicht ganz. Wie das gehen soll, wissen sie nicht genau. Der erste Brexit-Termin ist verstrichen, das mögliche Austrittsdatum wurde bereits zum zweiten Mal verschoben.

Ein harter Brexit müsse her, sind schon etliche Beobachter versucht zu raten. Einen harten Brexit zu wagen, wurde auch der Freundin suggeriert.

Es war nicht einfach. In diesem Fall wogen die Gefühle ja schwerer als der Pragmatismus. Aber so wie bisher konnte es nicht weitergehen.

Nach ein paar Tagen berichtete sie per SMS: "Harter Brexit." Nachsatz: "Die EU könnte sich ab und an ein Beispiel an mir nehmen."

Nachverhandlungen gab es nicht. Die Freundin blieb dabei. Es geht ihr jetzt sehr gut.