"FPÖ – Jetzt erst recht!" postet Heinz-Christian Strache auf Facebook. Zwei Tage zuvor ging ein bizarres Video um die Welt. Strache lümmelt im T-Shirt auf einer Couch in Ibiza herum, raucht Kette, schüttet Red-Bull und Vodka in sich hinein. Besoffen huldigt er sich selbst, steigert sich in Machtfantasien, biedert sich einer "schoarfen" russischen Oligarchennichte an. Der Zuseher reibt sich die Augen, kneift sich in den Arm. Ist das echt? Aki Kaurismäki hätte den machtgeilen Polittölpel nicht treffender schildern können. Was passiert als nächstes? Stolpert jemand über seine Schuhbänder? Packen sie die Playstation aus?

Die "Ibiza-Tapes" in Worte zu fassen ist schwierig. Sie sind schockierend und lustig gleichzeitig. "Jetzt erst recht!" wirkt da wie die Pointe nach der Pointe. Was meint Strache denn nun bitte damit? Freilich meint Strache nicht, dass Österreich "jetzt erst recht" eine Partei wählen soll, die nur allzu bereitwillig staatliche Aufträge an Günstlinge verteilt. Die die freie Presse abschaffen, die Trinkwasserversorgung verhökern, den ORF privatisieren will. Das meint Strache nicht. Das ist ja auch nicht so wichtig. Reine "Prahlerei" eines "Teenagers", harmloses "alkoholbedingtes Macho-Gehabe." Kennt doch jeder.

Strache meint die anderen. Die die FPÖ mit "illegalen Mitteln und Methoden" zerstören wollen. Gegen die man sich wehren muss. Gegen die nur eins hilft: Die FPÖ wählen, "jetzt erst recht!" Auch FPÖ-Chef Norbert Hofer verwendete den Slogan in einem Facebook-Post. Die EU-Wahlplakate wurden nachträglich mit dem Schriftzug beklebt. Das ist kein Witz, sondern ernst gemeint.

Der "prahlerische Teenager" Strache verhält sich wie ein trotziges Kind. Schuldbewusstsein sucht man vergeblich. Angriff lautet die Devise. Schuldumkehr. Strache sucht die Opferrolle. Dafür rückt er sich völlig bewusst in ein antisemitisches Licht und provoziert mit einem Slogan, von dem ein geschichtsbewusster Demokrat wohl besser die Finger lassen sollte.

Denn "Waldheim – jetzt erst recht!" lautete der zentrale Slogan in einem der wohl schmutzigsten Wahlkämpfe der Zweiten Republik. Als im Präsidentschaftswahlkampf 1986 schwerwiegende Vorwürfe gegen den Kandidaten der ÖVP, Kurt Waldheim, laut wurden, schaltete die Volkspartei mit eben jenem Slogan auf Angriff. Waldheim wurde vorgeworfen, über seine Rolle im Nationalsozialismus lückenhaft oder falsch informiert zu haben. Er soll an den Massen-Judendeportationen in Saloniki im Frühjahr 1943 zumindest gewusst haben. Die SPÖ unter Kanzler Fred Sinowatz griff die Anschuldigungen gezielt auf. Sie wurden zur Wahlkampfstrategie gegen Waldheim. Der bestritt die Enthüllungen des Wochenmagazins "profil" und der "New York Times". Der World Jewish Congress (WJC) beantragte die Aufnahme Waldheims auf die "Watch-List".

Damit hatte die ÖVP ihr Opfer, das es zu verteidigen galt. Sie versuchte erst gar nicht die Rolle Waldheims aufzuarbeiten, sondern stilisierte die Affäre zum bösartigen Angriff des WJC auf Österreich – mit derb antisemitischem Beiklang.

Strache schlägt nun in dieselbe Kerbe. Die Parallelen zu Waldheim sind augenscheinlich. Nicht er sei der Bösewicht, sondern die Macher des Videos. Mehrmals verwies der gefallene FPÖ-Chef dabei auf Tal Silberstein. Der israelische PR-Berater könnte hinter dem Video stecken. Anhaltspunkt dafür gibt es keine. Selbst Kanzler Kurz ließ den Namen Silberstein in den vergangenen Tagen mehrmals fallen – am Rande, aber durchaus gezielt. Damit versucht er abzulenken – schließlich hat er den Herrn aus dem Video zum Vizekanzler gemacht – und die SPÖ zu diffamieren. Denn die Silberstein-Affäre ist noch in den Köpfen der Bürger. Seine Dirty-Campaigning-Kampagne im Wahlkampf 2017 war zweifellos scheußlich. Mit Straches bizarrem Auftritt hat sie allerdings nichts zu tun.

Waldheims Kampagne hatte übrigens Erfolg. Er wurde mit 53,9 Prozent der Stimmen gewählt.