Kaum ist Wahlkampf, schon zeigt sich in den Sozialen Medien, wie niedrig die Hemmschwelle der Gehässigkeit sein kann. Und wie wenig Menschen in ihrem Schnellurteil den Gedankenhorizont über die 140 Zeichen eines Tweets überschreiten. Ex-Kanzler Sebastian Kurz beziehungsweise sein Team postete am Wochenende ein Video, das ihn mit einer Sechsjährigen zeigte. Sie hatte ihm einen Brief geschrieben, in dem sie ihre Verehrung für den Politiker zum Ausdruck brachte. Auf den Sozialen Medien dauerte es nicht lange, bis Kurz unterstellt wurde, das alles sei Chimäre. Das kann sein. Muss aber nicht. Dass man damit gleichzeitig ein Mädchen desavouierte, das vielleicht nichts anderes getan hat, als mit ihrem Schwarm - so unvorstellbar das für den politischen Gegner sein muss - einmal persönlich sprechen zu wollen, das kam keinem der zynischen Twitterrichter in den Sinn. Ja, es ist heikel, Kinder in einen Wahlkampf hineinzuziehen. Aber es ist mitnichten - wie es mancher "analysierte" - Diktatoren-Style. Denn solche Ambitionen kann man Christian Kern wohl kaum unterstellen, dessen Kampagne 2017 auch ein Sujet mit (noch kleinerem) Mädchen beinhaltete. Neu ist nur die inferiore Qualität der Reaktionen jener, die beschlossen haben, alle guten Sitten fahren zu lassen. Immerhin aber ausgeglichen: Pamela Rendi-Wagners Tochter wird sich auch zweimal überlegen, ob sie wieder einen Marillenkuchen macht, nachdem dieses Backwerk den Rest des Wochenendes die höhnische Geistlosigkeit Twitters beschäftigt hat.