Neuwahlen sind in Italien derzeit mehr eine Frage des Wann als des Ob. Am wahrscheinlichsten gilt ein Termin Ende September. In der ungewöhnlichen Regierungskoalition zwischen den zwei Parteien am linken und rechten Rand des politischen Spektrums kriselt es schon seit längerem. Doch die Europawahlen im Mai könnten der letzte Funke gewesen sein, der das Bündnis explodieren lässt. Während nämlich die linke Fünf-Sterne-Bewegung herbe Verluste einsteckte, gewann die rechte Lega und übertraf sogar die kühnsten Erwartungen der Meinungsforscher. Derart im Aufwind, wird sich Lega-Chef Matteo Salvini die Chance auch auf nationaler Ebene zu punkten, kaum entgehen lassen wollen. Der ist weit über die Landesgrenzen bekannt, nicht zuletzt wegen seiner - euphemistisch ausgedrückt - EU- und immigrationskritischen Sager.

Auf dem internationalen Parkett weitgehend unbekannt ist hingegen sein Stellvertreter, Andrea Crippa. Im Jänner von Salvini zum Vize gekürt, steht er schon in den Startlöchern, groß aufzuspielen. Seine Mission: der Lega in den Regionen Umbrien und Emiglia Romana einen Sieg zu bescheren, berichtet die italienische Nachrichtenagentur "Adnkronos". Crippa ist ein in der Wolle gefärbtes Parteimitglied. Schon im Alter von 16 Jahren trat er der Lega bei. Bevor er sich gänzlich der Partei verschrieb, arbeitete er im Familienunternehmen seines Vaters, einer Möbelfabrik. Er absolvierte das Studium der Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Mailand und wurde 2012 nicht amtsführender Stadtrat von Lissone. 2014 macht ihn Salvini zu seinem Assistenten im Europaparlament. Ein Jahr später wird Crippa der Chef der Jugendorganisation der Lega, was er heute, mit 33 Jahren, noch immer ist.

Andrea Crippa. - © Ital. Parlament
Andrea Crippa. - © Ital. Parlament

Politisch passt kein Blatt zwischen Salvini und Crippa - auch wenn letzterer seine Aussagen nicht ganz so plakativ tätigt: "Wir wollen ein Italien, das seine eigenen Grenzen und Territorien kontrolliert", erklärt er hier, und dort wiederum: "Heute ist Europa eine Gruppe von Bürokraten, Technokraten und Buchhaltern, die nur wenig über die Entwicklungen in vielen europäischen Ländern wissen." Einen Teil des Erfolgs erkennt Crippa im Wandel der Partei. Die Lega - die früher Lega Nord hieß - nährte ihr Selbstverständnis aus der Annahme, dass Norditalien dem Süden überlegen sei. Dennoch hat die Partei inzwischen auch im Süden Fuß fassen können. "Ich denke an Latium, Kampanien, Sizilien und allgemein die südlichen Regionen", sagt Crippa gegenüber der Onlinezeitung "Lanterna". Wohin die Reise mit den Neuwahlen gehen soll, deutet Crippa auch bereits an. Es müsse einen Dialog der Mitte-Rechts-Kräfte geben. Eine Koalition mit Silvio Berlusconis Forza Italia dürfte das Ziel sein.