Nick Griffiths ist Engländer und ein ehemaliges Mitglied der königlich britischen Marine. Doch ein Teil von ihm wird immer in Kanada bleiben. Genauer gesagt, zwei seiner Zehen. Die sind dem Extremsportler bei einer 500-Kilometer-Tour durch die Arktis abgefroren. Was für den 47-Jährigen tragisch ist, sorgt in Dawson City - einer Kleinstadt mitten im kanadischen Nirgendwo - für helle Freude. Denn Griffiths hat die zwei Zehen dem dortigen Downtown Hotel vermacht, das auf diese Art Glieder angewiesen ist. Es ist nämlich berühmt für seinen "Sourtoe-Cocktail" und bei dem ist eine menschliche Zehe das, was die Olive im Martini und die Kaffeebohne im Sambucca ist. Es handelt sich um eine Art Mutprobe, bei der Touristen ein Stamperl Hochprozentigen ihrer Wahl trinken und dabei die hinzugegebene Zehe mit den Lippen berühren - ohne sie zu essen. Fast 100.000 Menschen haben das Ritual, über das strikt Buch geführt wird, bereits absolviert. Allerdings nagt der Zahn der Zeit an den Zehen: Nach und nach zerfallen sie, werden gestohlen, oder auch verschluckt (kostet 2500 kanadische Dollar und wird mit Verbannung aus der Stadt geahndet). Nachschub zu erhalten, gestaltet sich erwartungsgemäß schwierig. Im Hotel waren die Leute daher hellauf begeistert, als ihnen Griffiths die in medizinischen Alkohol eingelegten Gliedmaßen schickte. Eine der beiden Zehen war sogar eine große Zehe. "Die großen Zehen sind die abstoßendsten und auch beliebtesten bei der Kundschaft",erklärte Terry Lee, Geschäftsführer der Hotelbar Sourdough.

Besonders erfreut ist Lee auch über die Tatsache, dass die Zehen abgefroren sind. "Üblicherweise bekommen wir sie durch Gicht oder Diabetes, oder sie stammen von Rasenmäher- oder Kettensägenunfällen", sagte Lee der Zeitung "Guardian". "Aber eine abgefrorene Zehe zu bekommen: das ist phänomenal." Diese entsprechen auch eher dem ursprünglichen Geist des Cocktails, der 1972 entstanden sein soll. Der Legende nach hat ein Minenarbeiter in der Zeit der Alkoholprohibition um 1920 Rum mit Hundeschlitten geschmuggelt. Durch ein Missgeschick trat er in Wasser, aufgrund der Kälte begann seine große Zehe abzufrieren. Um Schlimmeres abzuwenden, hackte ihm daraufhin sein Bruder mit einer Axt den Zeh ab und legte ihn in Alkohol. Rund 50 Jahre später wurde das Glas mit dem ungewöhnlichen Inhalt gefunden und die Idee für den besonderen Cocktail entstand. In einem nächsten Schritt werden die Zehen nun sechs Wochen lang in Salz eingegraben. Nach ihrer Mumifizierung werden sie dann als Hauptzutat in den Zwölf-Dollar-Cocktails landen (sieben für den Cocktail und fünf für die Mitgliedschaft im Sourtoe-Club). Und wer weiß: Vielleicht verspürt ja Griffiths jedesmal ein Kitzeln, wenn in Kanada Lippen seine Zehen berühren.