Ein guter Marketing-Gag war es allemal. Die "Gazeta Polska", ein wöchentliches Kampfblatt für rechtskonservative Anschauungen, das ansonsten eine kleine Leserschaft erreicht, ist in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. In den sozialen Medien gärte es, Politiker meldeten sich zu Wort, und sogar die Botschafterin der USA in Polen gab einen Kommentar ab.

Der Grund: Die Zeitschrift hat angekündigt, ihrer nächsten Nummer Aufkleber beizulegen. Darauf zu sehen ist eine durchgestrichene Regenbogen-Fahne und der Schriftzug: "LGBT-freie Zone". Wer also keine homo- oder transsexuellen Personen in seiner Nähe wünscht, könnte dies per Sticker kundtun.

Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken ließen nicht lange auf sich warten. Jemand verglich den Slogan mit jenem der Nazis, die Gebiete als "judenfrei" erklärt hatten. Der Warschauer Vizebürgermeister Pawel Rabiej wollte die Staatsanwaltschaft einschalten. Und US-Botschafterin Georgette Mosbacher teilte per Kurznachrichtendienst Twitter ihre "Enttäuschung" und "Besorgnis" darüber mit, "dass bestimmte Gruppen Aufkleber benutzen, um Hass und Intoleranz zu lancieren".

Die Aufregung ist berechtigt. Denn es handelt sich eben nicht lediglich um einen Marketing-Gag. Vielmehr spiegelt der Sticker eine Einstellung wider, die auch in Teilen der polnischen Politik zum Ausdruck gebracht wird. Da wettern Vertreter der nationalkonservativen Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) gegen "gewisse Kreise" und die "Gender-Ideologie", die Kinder und ganze Familien in Gefahr bringen, weil sie traditionelle Werte zerstören würden. Und während LGBT mittlerweile als gängige Abkürzung für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle erkannt wird, geht das Wort "Gender" über die eigentliche Bezeichnung für das "gesellschaftlich geprägte Geschlecht" hinaus. Es steht für Feminismus, Anarchismus, alle möglichen Formen der Zersetzung. Jedenfalls werden in rechten Kreisen sowohl LGBT als auch Gender als Schimpfwort verwendet - und so manches Mal in die Nähe von Pädophilie gerückt.

Aufmerksamkeit erregten in den vergangenen Monaten mehrere Fälle, in die sich Justizminister und gleichzeitig Generalstaatsanwalt Zbigniew Ziobro eingeschaltet hat. Die eine Debatte betraf einen Ikea-Angestellten, der wegen homophober Kommentare im Netz entlassen wurde. Die andere drehte sich um den Mitarbeiter einer Druckerei, der einen Auftrag einer LGBT-Organisation abgelehnt hatte und deswegen verklagt wurde. In beiden Fällen ergriff Minister Ziobro für die Männer Partei und kritisierte, dass diese angegriffen würden, weil sie ihre Werte hochhielten. PiS-Vorsitzender Jaroslaw Kaczynski hat wiederholt zu verstehen gegeben, dass er LGBT sowie "die Sexualisierung von Kindern" - womit er frühe Aufklärung meint - als eine Bedrohung für Staat und Nation ansehe.

Eindeutige Worte der Distanzierung von der Kampagne der "Gazeta Polska" haben Regierungspolitiker hingegen zunächst nicht gefunden. Premierminister Mateusz Morawiecki ist von dem Blatt übrigens drei Mal zum "Menschen des Jahres" gekürt worden.