Der Karajan ist Ehrendoktor der Salzburger Universität geworden, damals im 1978er Jahr zu seinem 70. Geburtstag. Skandal geschrien! - Heute, im 2019er Jahr. Es ist ein feiner Unterschied zwischen Aufarbeitung der Vergangenheit und Nachtreten auf längst verstorbene Menschen, die Großes geleistet haben. Der Nachtreter kommt durch seine Tritte in die Medien - und zwar kraft des Ruhms des von ihm Getretenen.

Im konkreten Fall kümmert sich der Sammelband "Zuviel der Ehre?" um nach Meinung der Autoren unverdiente universitäre Ehren in Deutschland und Österreich. Einer der zu Unrecht geehrten ist eben Herbert von Karajan. Er habe nichts Wissenschaftliches geleistet, was ein Ehrendoktorat rechtfertigen würde.

Nun könnte man eine Liste von Personen aufzählen, die ebenso wenig zur Wissenschaft beigetragen haben wie Karajan und ebenfalls Ehrendoktoren geworden sind. Aber damit würde man sich nur des gleichen nachtreterischen Aktes schuldig machen. In Wahrheit geht es um etwas anderes: Die Universität Salzburg wollte sich in Karajans Licht sonnen, und Karajan in dem der Salzburger Universität. Die eine ist eine würdige Institution, der andere der bedeutendste Dirigent, den Österreich seit Gustav Mahler hervorgebracht hat. Eines ist klar: Die blinden Flecken in Karajans Biografie aufarbeiten - das muss sein. Aber ihm 30 Jahre nach seinem Tod sein Ehrendoktorat madig machen? - Ist das eine historische Redlichkeit, kann man das andere doch getrost unter historische Kleinlichkeit ablegen.